Die Lage in Rojava im Nordosten Syriens und im Shengal im Nordirak spitzt sich dramatisch zu. Neue Angriffe treiben Menschen in die Flucht. Die Sorge um Autonomie und soziale Errungenschaften wächst. Die medico-Partner*innen halten dagegen und versorgen Vertriebene.

Maja Hess & Nina Röttgers

Die mobile Frauengesundheitseinheit des Kurdischen Roten Halbmondes ist derzeit vermehrt in Qamishlo und der umliegenden Region im Einsatz, wo viel Vertriebene angekommen sind.

Zu Beginn des Jahres 2025 überwog in Rojava vorsichtige Hoffnung: auf ein Ende der militärischen Interventionen, auf politische Verhandlungen in Nordostsyrien und in der Türkei, auf eine nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen für ethnische und religiöse Minderheiten – in den kurdischen Gebieten wie in ganz Syrien. Gespräche mit der Übergangsregierung, westlichen Staaten und Vertreter*innen der Selbstverwaltung nährten diese Zuversicht. Doch zugleich weckte die islamistische Vergangenheit des heutigen Übergangspräsidenten al-Scharaa bei ethnisch und religiösen Minderheiten Misstrauen, Angst und traumatische Erinnerungen. Die Massaker an Alawit*innen und Drus*innen im Sommer 2025 waren ein alarmierendes Signal – und das erneute Schweigen des Westens eine bittere Ernüchterung.

Rojava unter Druck

Anfang 2026 griffen dschihadistische Milizen die kurdischen und christlichen Viertel Aleppos brutal an. Der Machtkampf offenbarte die militärische Stärke der Kräfte um al-Scharaa. Die Angriffe weiteten sich auf Rojava aus, erreichten Städte wie Raqqa und Tabqa und lösten erneut massive Fluchtbewegungen nach Hassakeh und Qamishlo aus. Die 2014 durch die monatelange Belagerung und den Widerstand gegen den sogenannten Islamischen Staat bekannt gewordene Stadt Kobane wurde erneut belagert. Die Strom- und Wasserversorgung, auch für das Krankenhaus, wurde zeitweise gekappt; die Versorgungslage der Bevölkerung ist weiterhin prekär. Ein Ende Januar 2026 geschlossener, äusserst fragiler Waffenstillstand zwischen den kurdisch geführten Selbstverteidigungseinheiten und der syrischen Übergangsregierung beendete die Kämpfe. Faktisch bedeutet das Abkommen die erzwungene Integration der Selbstverwaltung, Verteidigungskräfte und zivilen Strukturen – etwa im Gesundheitsbereich – in staatliche Institutionen. Damit droht das Ende der kurdischen Autonomie und die Rückkehr unter die Kontrolle aus Damaskus. Das demokratische Projekt Rojava könnte vor dem Aus stehen. Doch die Erfahrung von Würde, Gleichberechtigung und Frauenbefreiung bleibt, und mit ihr das Potenzial für neue
Formen des Widerstands.

Weiter im Einsatz

Trotz grosser Risiken und anhaltender Unsicherheit hält der Kurdische Rote Halbmond die Versorgung von Vertriebenen aufrecht. Die medico-Partnerorganisation stellt Wasser, Nahrungsmittel, Hygieneartikel und medizinische Hilfe bereit, wo immer es möglich ist. Anfang 2026 waren noch drei mobile Kliniken im Süden Rojavas, rund um Raqqa und Tabqa, im Einsatz, zwei davon auf die Versorgung von Frauen und Kindern spezialisiert und ausschliesslich von Frauen geführt. Inzwischen wurden sie in den Norden verlegt, um die wachsende Zahl intern Vertriebener zu versorgen. Die Stärke der mobilen Kliniken liegt in ihrer Flexibilität: Sie können schnell dorthin gebracht werden, wo die Not am grössten ist und fallen so auch nicht so leicht in die Hände der Dschihadisten.

Mit unterstützung von medico aufgebautes Wasserlabor in Hassakeh, Nordostsyrien.

Fortschritte in Gefahr

Ein zentraler Baustein ist das von medico unterstützte WASH-Team. 2025 konnten nach langer Vorbereitung Wasserlabore in Raqqa, Tabqa, Qamishlo und Hassakeh ausgestattet und Mitarbeitende geschult werden. Angesichts maroder Infrastruktur, zunehmender Wasserknappheit und weitverbreiteter, durch verunreinigtes Wasser bedingter Infektionskrankheiten ist die Kontrolle der Wasserqualität entscheidend. Neues Laborequipment und bereitgestellte Elektrolysezellen zur Chlorherstellung stärken die Desinfektionskapazitäten, auch mobil in Camps für Vertriebene. Ein gemeinsames Monitoring soll die Qualität sichern und weiteren Bedarf sichtbar machen. Doch die jüngste Eskalation bremst diese Fortschritte. Mühsam erreichte Verbesserungen der Wasserversorgung – etwa in Tabqa und Raqqa – geraten in Gefahr. Wo es die Sicherheitslage erlaubt, führen WASH- und Selbstverwaltungsteams die Kontrollen weiter. Die Labore in Qamishlo und Hassakeh arbeiten vorerst noch. 

Ezid*innen erneut bedroht

Auch die Ezid*innen im nordirakischen Shengal stehen erneut unter existenzieller Bedrohung. Mehr als 8000 Menschen leben noch immer auf dem Berg und in provisorischen Unterkünften am Fuss des Gebirges – in ständiger Angst vor neuen Angriffen durch islamistische Milizen oder der Türkei. Fünfzehn Jahre nach dem Genozid durch den IS ist das Trauma allgegenwärtig. Der Vormarsch islamistischer Kräfte in Syrien, die Massaker an Minderheiten und die Angriffe auf Rojava verstärken die Furcht: Vom Shengal bis nach Nordostsyrien ist es nur ein kurzer Weg. Was 2014 ein rettender Fluchtkorridor war, ist heute eine kaum gesicherte Grenze.

In dieser Situation sind die mobilen Kliniken der medico-Partnerorganisation Nahri, die regelmässig in die Bergregion fahren, weit mehr als medi-zinische Hilfe. Sie sichern eine kontinuierliche Basisversorgung, schaffen Vertrauen und zeigen: Die Menschen sind nicht vergessen. Ihre Präsenz ist Schutz, Zeugenschaft und Verbindung zu internationaler Solidarität. Im Jahr 2025 konnten die Einsätze sogar ausgebaut werden. Wie lange diese Arbeit unter den aktuellen Bedingungen fortgesetzt werden kann, ist ungewiss. Doch die medico-Partner*innen sind entschlossen, an der Seite der Ezid*innen zu bleiben.