[Update: Die Angriffe auf Nordostsyrien weiten sich aus!]

Nach einer Woche eskalierender Gewalt in Aleppo ist die Lage weiter dramatisch: Die Stadtteile Sheikh Maqsoud und Al-Ashrafieh wurden von türkeinaher Milizen und der Übergangsregierung HTS gewaltsam unter Kontrolle genommen. Über hunderttausend Menschen sind auf der Flucht. Die medico-Partnerorganisation Kurdischer Roter Halbmond leistet unter grossen Risiken medizinische Nothilfe.

Geflüchtete Menschen werden vom Kurdischen Roten Halbmond in Al-Tabqa mit dem nötigsten versorgt.
Bild: Heyva Sor a Kurd

Update 20.01.2026: 

Die Angriffe auf Nordostsyrien weiten sich aus: Trotz des Dekretes von Übergangspräsident al-Scharaa, in dem er kurdische Rechte zusichert, geht die Offensive gegen die Selbstverwaltung und die SDF weiter. Die militärischen Kräfte der Übergangsregierung HTS und ihr nahestehende Milizen haben alle Städte und Gebiete westlich des Euphrats eingebommen. Auch die Stadt Tabqa, wo das notdürftige Auffanglager für kurdische Geflüchtete aus Shehba und Aleppo lag, ist unter Kontrolle der Übergangsregierung und türkeinahen Milizen. Hunderte Familien sind aus Tabqa geflüchtet und in Qamishlo angekommen. Sie werden von der medico-Parnterorganisation Kurdischer Roter Halbmond versorgt. Hier braucht es dringend Unterstützung! Sollten die HTS und die Milizen weiter vorrücken wird es zur Massenflucht kommen, eine humanitäre Katastrophe und ein direkter Angriff auf das demokratische Rojava!

Mitten in dieser erschütternden Entwicklung erreichte uns eine positive Nachricht: Die drei Mitarbeitenden des Kurdischen Roten Halbmondes, die in Aleppo festgehalten wurden, sind wieder frei.

Was passiert derzeit in Aleppo?

In den überwiegend kurdisch bewohnten Stadtteilen Sheikh Maqsoud und Al-Ashrafieh Aleppos ist die Lage gewaltsam eskaliert. Nach monatelanger faktischer Belagerung griffen Sicherheitskräfte der syrischen Übergangsregierung unter Führung von HTS gemeinsam mit ihr verbundenen türkeinahen Milizen die Stadtteile an. In den anschliessenden schweren Kämpfen mit den kurdischen Selbstverteidigungskräften (SDF) begingen die HTS-Kräfte und ihre Milizen schwere Menschenrechtsverletzungen: Sie entführten, verhafteten und töteten Zivilist*innen.
Seit Sonntag, dem 11. Januar, stehen die Stadtteile nun unter der Kontrolle der Milizen und militärischen Einheiten der HTS. Über 100’000 Menschen sind auf der Flucht, werden jedoch immer wieder an Checkpoints festgehalten. Sie suchen Zuflucht in Notunterkünften oder übernachten unter freiem Himmel – mitten im bitterkalten Winter Syriens. Die Versorgung mit Lebensmitteln, Treibstoff und medizinischer Hilfe ist dramatisch eingeschränkt.

Wer ist betroffen?

Betroffen ist einmal mehr vor allem die Zivilbevölkerung. In den Stadtteilen Sheikh Maqsoud und Al-Ashrafieh leben rund 400’000 Menschen, überwiegend Kurd*innen, aber auch Angehörige anderer Minderheiten wie Ezid*innen und Christ*innen sowie Menschen, die bereits 2018 aus Afrin vertrieben wurden und hier Zuflucht gefunden hatten. Die anhaltende Gewalt, die ständige Angst vor Vertreibung und der eingeschränkte Zugang zu medizinischer Versorgung gefährden nicht nur das körperliche Überleben, sondern verursachen auch schwere psychische Belastungen und langfristige soziale Schäden.

Unter den Opfern der Angriffe sind auch humanitäre Helfer*innen. Immer wieder werden zivile Infrastruktur sowie medizinische Einrichtungen und Personal attackiert. Krankenhäuser funktionieren nur noch teilweise – es fehlt an Treibstoff für Generationen und Fachpersonal. Auch drei Mitarbeitende der medico-Partnerorganisation Kurdischer Roter Halbmond (KRC) wurden entführt; derzeit besteht kein Kontakt zu ihnen. «Wir sind sehr besorgt um unsere Kollegen, die sich nun in den Händen der Sicherheitskräfte der Übergangsregierung befinden. Ihre sofortige Freilassung ist dringend erforderlich – humanitäre Hilfe darf nicht behindert werden», sagt Sherwan Bery, Projektkoordinator des Kurdischen Roten Halbmonds.

Was kann die medico-Partnerorganisation Kurdischer Roter Halbmond tun?

Als grösste Gesundheitsorganisation in Nordostsyrien leistete der Kurdische Rote Halbmond bereits während der Massaker in Latakia und Suweida Nothilfe – und nun auch in der Region Aleppo. Mit Notfallteams vor Ort versorgt die Organisation Menschen auf der Flucht, baut Zelte auf und leistet medizinische Hilfe. Familien werden auf die bestehenden Camps in Tabqa und Raqqa verteilt. Sobald es die Lage zulässt, soll zudem eine mobile Klinik aktiviert werden, um kritische Fälle aus der Region zu evakuieren. In den vergangenen Monaten konnte der Kurdische Rote Halbmond durch die Ausbildung ziviler Helfer*innen den Katastrophenschutz weiter stärken – diese Helfer*innen sind nun im Einsatz.

Gemeinsam mit dem Kurdischen Roten Halbmond fordern wir die Einhaltung humanitärer Grundregeln: Dazu gehören der Schutz der Zivilbevölkerung, der ungehinderte Zugang zu medizinischen Einrichtungen, die sichere Evakuierung von Verletzten sowie regulären Patient*innen und der Schutz von medizinischem Personal und humanitären Helfer*innen.

Was wird am dringendsten benötigt?

Die Versorgungslage ist in Aleppo in weiten Teilen zusammengebrochen und reicht bei weitem nicht aus, um den Bedarf der betroffenen Bevölkerung zu decken. Dringend benötigt werden Notfallmedikamente, medizinische Hilfsgüter und Treibstoff für Krankenhäuser und Generatoren, um lebensrettende Behandlungen aufrechtzuerhalten. Zudem braucht es Lebensmittelpakete, Hygieneartikel und Unterkünfte für die vielen Menschen auf der Flucht.

Wieso ist eure solidarische Unterstützung jetzt so wichtig?

Während die Gewalt anhält und die humanitäre Not von Tag zu Tag wächst, bleiben die internationale Aufmerksamkeit und die offizielle internationale Hilfe weitgehend aus. Es sind vor allem lokale, zivilgesellschaftliche Initiativen, die jetzt helfen – über ethnische und religiöse Grenzen hinweg. Sie versorgen Verletzte, verteilen Lebensmittel und Hygieneartikel und leisten psychosoziale Unterstützung für traumatisierte Menschen. Diese Hilfe ist ohne Unterstützung von aussen kaum aufrechtzuerhalten.

Mit einer Spende ermöglichst du die konkrete Nothilfe unserer Partnerorganisation Kurdischer Roter Halbmond: medizinische Versorgung, Schutz und Würde für Menschen in akuter Not. Solidarität rettet jetzt Leben!

Was bedeutet die aktuelle Situation für die Zukunft Syriens?

Die Gewalt in Aleppo zeigt, wie fragil die Lage in Syrien nach dem Sturz des Assad-Regimes ist. Zentrale Fragen von Minderheitenschutz, politischer Teilhabe und Autonomie bleiben ungelöst. Die kurdisch geprägten Stadtteile Aleppos stehen exemplarisch für die Bemühungen der autonomen Selbstverwaltung, lokale Selbstorganisation aufrechtzuerhalten.

Mit einem Abkommen vom 10. März 2025 wurde erstmals ein Rahmen für die schrittweise Integration der autonomen Selbstverwaltung und ihrer Kräfte in die syrische Übergangsregierung vereinbart – unter Wahrung grundlegender Rechte. Dass diese Vereinbarungen bislang nicht umgesetzt werden und stattdessen kurdische Stadtteile gewaltsam unter Kontrolle gebracht werden, untergräbt die Hoffnung auf einen inklusiven politischen Prozess.

Die vielfältige Stadt Aleppo steht damit symbolisch für die Zukunft Syriens. Wird die Diversität der Gesellschaft nicht geschützt und Gewalt nicht klar benannt, schwindet die Perspektive auf ein integratives und demokratisches Syrien. Auch westliche Regierungen dürfen die Beziehungen zur Übergangsregierung der HTS nicht normalisieren, solange Übergriffe andauern und humanitäres sowie völkerrechtliches Handeln nicht durchgesetzt wird.