Die Physicians for Human Rights Israel leisten weit mehr als medizinische Hilfe: Unter hohem Risiko dokumentieren sie Menschenrechtsverletzungen, machen sie öffentlich und klagen vor Gericht.
Alice Froidevaux
«Apotheke»: Die mobilen Kliniken der Physicians for Human Rights Israel versorgen Patient*innen auch mit dringend benötigten Medikamenten.
«Wir weigern uns, angesichts des Leids Tausender Patient*innen wegzusehen – sei es in Gaza, wo viele weiterhin eingeschlossen sind, und keinen Zugang zu lebensrettender medizinischer Versorgung haben, oder in der Westbank, wo die israelische Politik das Gesundheitssystem der Palästinensischen Autonomiebehörde an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat», bekräftigt Milena Ansari, Direktorin der Abteilung für das besetzte palästinensische Gebiet bei den Physicians for Human Rights Israel (PHRI).
Einschränkungen des Rechts auf Gesundheit für Palästinenser*innen sowie die gezielte Schwächung des palästinensischen Gesundheitssystems durch Israel sind nicht neu. Im Zuge der seit drei Jahren laufenden, genozidalen Kampagne der rechtsextremen israelischen Regierung haben sie jedoch massiv zugenommen – und das nicht nur in Gaza. «Im besetzten Westjordanland spielt sich eine Katastrophe im Bereich der öffentlichen Gesundheit ab, die von aussen kaum wahrgenommen wird», sagt Milena Ansari. Krankenhäuser und Kliniken seien geschlossen oder arbeiteten nur noch mit minimaler Kapazität. Gesundheitsfachkräfte erhielten nur einen Bruchteil ihrer Gehälter und befänden sich deshalb seit Mai 2026 im unbefristeten Streik. Hunderte Medikamente und Behandlungen seien nicht mehr verfügbar.
Ein zentraler Faktor sind die sogenannten «Clearance Revenues»: Steuern und Zölle, die Israel für die Palästinensische Autonomiebehörde einzieht und einen erheblichen Teil ihres Budgets ausmachen. Israel nutzt sie jedoch immer wieder als politisches Druckmittel. Laut PHRI hat die israelische Regierung seit Beginn ihres Angriffskrieges bis Mitte 2026 mindestens 2,5 Milliarden US-Dollar an palästinensischen Steuereinnahmen zurückgehalten. Die Folgen treffen das Gesundheitswesen direkt: Das palästinensische Gesundheitsministerium hat inzwischen Schulden von über einer Milliarde US-Dollar bei privaten Spitälern und Pharmalieferanten angehäuft. Infrastruktur und Gehälter können nicht mehr finanziert werden.
In Gaza setzen Personal und Bevölkerung alles daran, zerstörte Gesundheitsstrukturen wieder aufzubauen. Trotz des grossen Einsatzes warten unzählige Patient*innen weiterhin auf Behandlung. Auch nach dem vermeintlichen Waffenstillstand kontrolliert Israel, welche Güter nach Gaza gelangen und beschränkt die Einfuhr lebenswichtiger medizinischer Materialien und Medikamente. «Selbst grundlegende Dinge wie Desinfektionsmittel, Insulin oder Spritzen werden noch immer blockiert oder verzögert», berichtet Keren Shavit, Projektkoordinatorin bei PHRI. Besonders problematisch seien die undurchsichtigen und sich ständig ändernden Dual-Use-Bestimmungen: Güter, die als potenziell militärisch nutzbar eingestuft werden, werden blockiert. Aus einem Mangel an Material werde so eine Frage von Leben und Tod: «Krankheiten, die unter normalen Bedingungen gut behandelbar wären, enden hier oft tödlich.»
Der Angriff auf die Gesundheit beginnt nicht erst im Krankenhaus. Gesundheit hängt von ausreichender Ernährung, sauberem Wasser und einem Leben in Sicherheit ab. Was bedeutet es also, wenn Israel genau diese Grundlagen gezielt angreift? In Gaza wurde beinahe das gesamte Ackerland zerstört. Im Westjordanland werden Wasserquellen immer wieder von israelischen Siedlern unzugänglich gemacht. Gleichzeitig sind Palästinenser*innen täglich Gewalt, Vertreibung und der ständigen Bedrohung durch weitere Angriffe ausgesetzt. Ein Leben unter solchen Bedingungen gefährdet nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern schafft auch einen dauerhaften Zustand von Angst und psychischer Belastung.
Nach einer regelrechten Aushungerungskampagne gelangen inzwischen zwar wieder mehr Lebensmittel nach Gaza, doch die Versorgung bleibt unzureichend. «Entscheidend ist nicht nur die Menge an Nahrungsmitteln, sondern auch die Qualität. Es gelangen vor allem sehr kalorienreiche, aber nährstoffarme Lebensmittel nach Gaza», sagt Chris Whitman, Palästina-Koordinator von medico international Deutschland. Besonders für verletzte Menschen sei das problematisch, ergänzt Keren Shavit: «Wer eine Amputation oder schwere Verletzungen überlebt hat, braucht ausreichend Eiweiss und Nährstoffe, damit Knochen und Gewebe wieder aufgebaut werden können. Fehlen diese, kann der Körper seine Verletzungen nicht ausreichend heilen.»
Angesichts der akuten Versorgungskrise in der Westbank baut PHRI die Apotheken als Teil ihrer mobilen Kliniken aus. Patient*innen werden nach medizinischer Prüfung mit dringend nötigen Medikamenten versorgt. Auf politischer Ebene fordert PHRI in einem aktuellen Positionspapier die israelische Regierung auf, die zurückgehaltenen Steuereinnahmen unverzüglich freizugeben. Zugleich setzt sich PHRI weiter für die Öffnung humanitärer Korridore nach Gaza und die Evakuierung von Patient*innen ein. Auch als Schweizer Zivilgesellschaft müssen wir den Druck auf unsere Regierung hochhalten: keine Unterstützung, Duldung oder Mitwirkung an Völkerrechtsverletzungen. Humanitäre Hilfe kann Leben retten – doch sie darf nicht zum Ersatz für politisches Handeln werden. Es braucht ein Ende des Genozids in Gaza und die Befreiung des besetzten Palästinas.