Trotz anhaltendem Genozid erfinden sich die Palästinenser*innen täglich mit Beharrlichkeit und Kreativität neu. Die medico-Partner*innen leisten Überlebenshilfe, sichern medizinische Basisversorgung und bestehen weiterhin auf dem Recht auf Leben.
Alice Froidevaux & Maja Hess
Bildungs- und Freizeitprogramm der Mayasem Association für Kinder und Jugendliche in Gaza.
Seit Oktober 2025 gilt im Gazastreifen offiziell eine Waffenruhe. Sie war verbunden mit der Hoffnung auf ein Ende des Leids der palästinensischen Zivilbevölkerung. Doch die Realität sieht anders aus: Die Waffenruhe wird wiederholt gebrochen, die Bombardierungen dauern an; in den vergangenen Monaten wurden über 500 Palästinenser*innen getötet. Gleichzeitig entzieht Israel der Bevölkerung systematisch die Lebensgrundlagen und verhindert Hilfe: Ende Dezember 2025 kündigten die israelischen Behörden an, die Arbeit von 37 internationalen NGOs auszusetzen – darunter führende humanitäre Organisationen. Zahlreiche Güter, auch lebensrettende medizinische Ausrüstung, werden weiterhin nicht in den Gazastreifen gelassen. Dringende medizinische Evakuierungen bleiben unzureichend. Die Rückkehr Vertriebener und der Wiederaufbau werden gezielt unterbunden.
Die medico-Partnerorganisationen in Gaza leisten unter ständiger Gefahr und katastrophalen Bedingungen lebensrettende Hilfe. Einrichtungen wurden zerstört, Infrastruktur bombardiert, Mitarbeitende angegriffen und getötet, Medikamente und Hilfsgüter fehlen. Sie passen ihre Arbeit laufend den Handlungsmöglichkeiten an. Die Palestinian Medical Relief Society (PMRS) versorgt Verletzte, Vertriebene, chronisch Kranke und Schwangere. Die Mayasem Association koordiniert in einem Camp für Vertriebene Nahrungsmittelhilfe und Trinkwasserverteilung sowie Bildungs- und Kulturangebote für Kinder und Jugendliche. Das Gaza Community Mental Health Programme (GCMHP) bietet psychologische Nothilfe durch mobile Beratungen, Hotlines und die Initiative «Helping the Helpers», in der sich Fachkräfte gegenseitig stärken. Zusätzlich tauschten sich die Kolleginnen der Psychodramagruppe in wöchentlichen Online-Sessionen aus, unter Begleitung der Ausbildnerin und Supervisorin Ursula Hauser.
Medizinisches Personal wird in Gaza gezielt angegriffen. Seit Oktober 2023 wurden rund 1000 Gesundheitsfachkräfte getötet; viele weitere nahm das israelische Militär fest und hält sie zum Teil bis heute ohne Anklage in Haft. Die medico-Partnerorganisation Physicians for Human Rights Israel (PHRI) setzt sich seit Jahren für die Rechte palästinensischer Gefangener ein. Mit individueller Fallarbeit, dem Einsatz für medizinische Versorgung sowie durch Dokumentation und Lobbyarbeit kämpft PHRI gegen die systematischen Rechtsverletzungen. Im Februar 2025 veröffentlichte PHRI die Studie «Unlawfully Detained, Tortured, and Starved: The Plight of Gaza‘s Medical Workers», die auf Basis von Zeug*innenaussagen schwere Misshandlungen von Gesundheitsfachkräften in israelischer Haft dokumentiert.
Während die internationale Aufmerksamkeit in den letzten zwei Jahren auf Gaza gerichtet war, trieb Israel Siedlungsbau, Annexion und militärische Repression in der Westbank voran. Gewalt und Vertreibungen haben stark zugenommen. Abriegelungen von Dörfern und militärische Strassensperren schränken die Bewegungsfreiheit massiv ein. Auch hier werden Rettungs- und Gesundheitsteams angegriffen oder am Zugang zu Patient*innen gehindert. Zudem führte das Einreiseverbot für palästinensische Angestellte nach Israel zu einer schweren Wirtschaftskrise. Die medico-Partnerorganisationen setzen ihre Arbeit dennoch fort – und sie wirkt: Von der PMRS ausgebildete Community Health Workers sichern die medizinische Erstversorgung in ihren Dörfern. Gleichzeitig weiteten die mobilen Kliniken der PHRI ihre Einsätze aus. 2025 unterstützte medico insbesondere die mobilen Kliniken für Frauen, die rund 2000 Patientinnen behandelten. Auf Anfrage palästinensischer Kolleg*innen stattete die PHRI Ambulanzen und Rettungsteams in der Region Nablus mit Schutzwesten und Helmen aus und stärkt sie durch Resilienz-Workshops. In Yatta in der Region um Hebron betreut die von medico geförderte Schule «My Dream Center» Kinder mit Autismus und anderen Lernschwierigkeiten und berät ihre Familien. So bleibt trotz eskalierender Gewalt eine grundlegende medizinische und psychosoziale Versorgung möglich.
Seit der Waffenruhe im Oktober 2025 gerät der fortdauernde Genozid zunehmend aus dem medialen Fokus und verschwindet aus der öffentlichen Wahrnehmung. Die Waffenruhe dient als trügerisches Narrativ. Der Krieg gilt als beendet, während Zerstörung, Vertreibung und Gewalt weitergehen. Der von US-Präsident Trump vorgestellte «Friedensplan» missachtet das Recht der Palästinenser*innen auf Selbstbestimmung, zementiert imperialeMachtverhältnisse und untergräbt das Völkerrecht. Für uns heisst das: Gerade jetzt gilt es, weiter hinzuschauen. Entscheidend ist, die Stimmen unserer Partnerorganisationen zu verstärken und ihre Arbeit weiter entschlossen zu unterstützen. Lernen können wir dabei vom palästinensischen Konzept «Sumud». Es steht für Standhaftigkeit, Würde und das Beharren auf Menschlichkeit unter Bedingungen systematischer Unterdrückung.