Im April 2026 reiste ich in meiner neuen Rolle als Projektverantwortliche gemeinsam mit meiner Familie nach Vietnam – ein Erfahrungsbericht

Melina Depountis

Melina Depountis traf sich auf ihrer Projektreise mit freiwilligen Gesundheitsbetreuer*innen der AoE.
Melina Depountis traf sich auf ihrer Projektreise mit freiwilligen Gesundheitsbetreuer*innen der AoE.

Noch vor Sonnenaufgang füllt sich der Park rund um den Hoàn-Kiêm-See im Herzen der Altstadt von Hanoi mit kleinen Menschengruppen. Es sind vor allem ältere Menschen, die gemeinsam zu Musik tanzen, Tai-Chi praktizieren, joggen oder an einfachen Fitnessgeräten trainieren. Zu dieser frühen Stunde sind die Strassen der sonst so lebendigen Metropole noch fast leer; der dichte Motorradverkehr und das allgegenwärtige Hupen haben noch nicht eingesetzt. Nur vereinzelt sind Menschen unterwegs, die ihre Fahrräder mit frischen Kräutern, Blumen oder Gemüse beladen haben und in Richtung der Märkte fahren. Der Morgen gehört hier den Sporttreibenden im Pensionsalter. Es scheint, als könne sich jede Person dazugesellen und sofort aufgenommen werden – eine fluide Gruppe, ein enges und doch offenes soziales Gefüge.

Wir – mein Partner, mein fast einjähriges Kind und ich – waren zu dieser frühen Tageszeit aus Reisegründen unterwegs und haben das gymnastische Miteinander interessiert beobachtet. Die Szenerie im Park bildete einen passenden Auftakt für meine Projektreise, auf der mir die enge Verbindung von Bewegung, frischen Lebensmitteln und solidarischem Beisammensein noch einige Male begegnen sollte.

Solidarität, die trägt

Bei unserer Ankunft am Flughafen der zentralvietnamesischen Küstenstadt Huê wurde ich vom Präsidenten der Vereinigung für ältere Menschen (Association of the Elderly, AoE), Mr. Le, mit einem Blumenstrauss herzlich empfangen. Von meiner Vorgängerin und langjährigen Projektverantwortlichen, Anjuska Weil, hatte ich zuvor viel über die Anfänge der medico-Unterstützung in Vietnam und die Verbindung zur Solidaritäts- und Friedensbewegung erfahren: In den 1960er-Jahren wurde in Zürich und weltweit gegen den Vietnamkrieg demonstriert; dabei entstand auch der Wunsch, konkrete Projekte vor Ort zu unterstützen. Im Jahr 2000 entstand dann das medico-Projekt mit der  AoE – getragen von dem Gedanken, dass alle, die damals im Krieg kämpften und überlebten, irgendwann alt sein würden. Seit Beginn wird die Organisation durch finanzielle Unterstützung von medico mitgetragen. Sie bildet bis heute ein wichtiges Fundament für ein Altern in Würde.

Beim gemeinsamen Abendessen beantwortete mir Mr. Le, unterstützt von seiner Übersetzerin, geduldig Fragen zu ihrem Engagement und erzählte vom tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel in Vietnam. Die ökonomische Entwicklung zieht spürbare demografische Veränderungen nach sich: Weil viele jüngere Menschen für Ausbildung oder Arbeit in die Städte ziehen, bleiben ältere Menschen in den ländlichen Provinzen oft allein zurück. Kommen gesundheitliche Einschränkungen hinzu, sind sie besonders auf Unterstützung angewiesen. Hier setzt die AoE an. Die Organisation funktioniert in vielerlei Hinsicht wie eine ehrenamtliche Spitex: Freiwillige, meist Frauen, unterstützen ältere Menschen im Alltag, besuchen sie zuhause, begleiten sie medizinisch. Ein bewährtes System, dass die staatlichen Institutionen wichtig ergänzt.

Besuche unter Nachbar*innen

Während unseres Projektbesuchs in Huê nahmen wir unter anderem an einem Übungs- und Austauschprogramm der AoE teil. Rund dreissig Personen waren anwesend, darunter auch zwei Ärzte, die die Freiwilligen medizinisch instruierten. Erfahrungen wurden ausgetauscht, das Blutdruckmessen und der Umgang mit dem Rollstuhl geübt sowie neue Freiwillige eingeführt. Anschliessend machten wir gemeinsam mit den Einsatzleitenden Hausbesuche bei älteren Menschen, die Unterstützung benötigen. Einige lebten sehr bescheiden, manche allein. Eine ältere Frau zeigte uns voller Stolz ihre kleine Küche, während eine Freiwillige nebenbei kontrollierte, ob sie ihre Medikamente richtig eingenommen hatte.

Die Begegnungen wirkten weniger wie offizielle Einsätze als wie Besuche unter Nachbar*innen. Viele Freiwillige kennen die betreuten Personen seit Jahren und wohnen teilweise Tür an Tür. Unterstützung bedeutet hier nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch, zuzuhören, gemeinsam Tee zu trinken oder regelmässig vorbeizuschauen. Genau darin liegt die Stärke des Projekts: Fürsorge wird nicht als rein professionelle Dienstleistung verstanden, sondern als Teil des alltäglichen Zusammenlebens.

Wissen bewahren, Versorgung sichern

Unsere Reise führte uns weiter nach Hanoi, wo wir des Lepra-Projekt im nationalen Spital für Dermatologie und Venerologie besuchten. Das Vorhaben, das durch das jahrzehntelange Engagement von Anjuska Weil wesentlich mit aufgebaut wurde, wird noch bis Ende 2026 über den Schweizer Verein Leprahilfe Vietnam unterstützt und anschliessend von medico weitergetragen. Obwohl Vietnam das Ziel, die Lepra als allgemeine Bedrohung der öffentlichen Gesundheit einzudämmen, nach WHO-Richtlinien erreicht hat, machten die Ärzt*innen deutlich, dass auf der «letzten Meile» des Prozesses bis 2030 weiterhin grosser Handlungsbedarf besteht. Weil die Fallzahlen dank jahrelanger Arbeit stark gesunken sind, liegt der Fokus heute auf regelmässigen Fortbildungen für junges medizinisches Personal. Diese «Refreshing Trainings» sollen sicherstellen, dass selten gewordene Fälle in den Provinz- und Regionalspitälern weiterhin früh erkannt werden. Gleichzeitig bleibt die spezialisierte Langzeitpflege älterer Menschen mit chronischen Spätfolgen eine zentrale Aufgabe.

Die Kraft der Begegnung

Während der Projektreise war es besonders verbindend, dass mein Sohn dabei war. Seine Gegenwart half ungemein dabei, Sprachbarrieren im Nu zu überwinden, die Treffen aufzulockern und einen nahbaren Zugang zu den Beteiligten zu finden. So wurden auf ganz natürliche Weise Brücken geschlagen. Die Reise hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie tief die Unterstützung älterer Menschen in Vietnam im gesellschaftlichen Denken verankert ist – und wie viel Kraft in dieser alltäglich gelebten Solidarität steckt. Diese gilt es weiter zu stärken!