Am 2. Februar wurde die Wiederöffnung des Grenzübergangs Rafah zwischen Gaza und Ägypten verkündet. Doch die Erleichterung ist trügerisch: Die Öffnung bleibt stark eingeschränkt, humanitäre Güter werden weiterhin blockiert, und nur wenige Kranke und Verletzte dürfen passieren. Über 16’500 Patient*innen warten nach wie vor auf lebensrettende Behandlungen. Die Lösung wäre ein humanitärer Korridor innerhalb des palästinensischen Gesundheitssystems – nach Ostjerusalem und in die Westbank.

Kollabiertes Gesundheitssystem

Nach zwei Jahren Genozid ist das ohnehin fragile Gesundheitssystem in Gaza unter den anhaltenden israelischen Angriffen fast vollständig zusammengebrochen. Krankenhäuser und Kliniken arbeiten unter extremen Bedingungen, es fehlt an Medikamenten, Strom, Treibstoff und medizinischem Material. Laut Weltgesundheitsorganisation (Stand 26. Oktober 2025) sind nur noch 18 Einrichtungen teilweise funktionsfähig – und bieten lediglich 1950 Betten für eine Bevölkerung von über zwei Millionen Menschen.

Zehntausende Patient*innen benötigen dringend spezialisierte Behandlungen, die in Gaza nicht mehr verfügbar sind: Behandlung von Schwerverletzten, Krebstherapien, Dialyse, komplexe chirurgische Eingriffe, oder pädiatrische Intensivmedizin. Für sie gibt es aktuell kaum einen sicheren und verlässlichen Zugang zu lebensrettender Versorgung. Seit dem ausgerufenen Waffenstillstand im Oktober 2025 wurden bis Ende Jahr nur rund 235 Patient*innen evakuiert, während über 16’500 Patient*innen, darunter 4000 Kinder, in kritischem Zustand auf einer Warteliste stehen.

Warum die «Öffnung» des Rafah-Übergangs nicht ausreicht

Auch eine begrenzte Öffnung des Rafah-Übergangs ändert daran nichts. Evakuierungen über Ägypten sind unregelmässig, langsam und mit hohen Risiken verbunden. Das ägyptische Gesundheitssystem ist bereits stark belastet und kann den hohen Bedarf nicht auffangen. Für viele Patient*innen verschlechtert sich der Gesundheitszustand während langer Wartezeiten weiter.

Evakuierungen in Drittstaaten – auch nach Europa – sind ebenfalls keine realistische Lösung. Visabestimmungen, bürokratische Hürden und begrenzte Aufnahmekapazitäten machen sie unvorhersehbar und für die meisten Betroffenen unerreichbar. Zudem fehlt häufig die Kontinuität der medizinischen Versorgung, insbesondere bei chronischen oder onkologischen Erkrankungen.

Hinzu kommt die reale Gefahr, dass Evakuierungen über Rafah zu Einbahnwegen werden. Ohne Garantie auf Rückkehr drohen dauerhafte Familientrennungen. Für viele Familien bedeutet dies eine unmögliche Entscheidung: medizinische Hilfe für ein Familienmitglied – oder der Zusammenhalt der Familie.

Die naheliegende Lösung: Das Krankenhausnetzwerk in Ostjerusalem

Dabei existiert eine unmittelbare, wirksame und realistische Alternative: das Krankenhausnetzwerk in Ostjerusalem (East Jerusalem Hospital Network, EJHN). Nur 70-80 Kilometer von Gaza entfernt ist es seit Jahrzehnten ein zentraler Pfeiler des palästinensischen Gesundheitssystems. Die Krankenhäuser des EJHN, darunter das Augusta-Victoria-Hospital, verfügen über spezialisierte Abteilungen für Onkologie, Dialyse, Pädiatrie und die Behandlung von Schwerverletzten. Sie sind darauf vorbereitet, komplexe medizinische Fälle aus Gaza aufzunehmen und Behandlungen innerhalb eines vertrauten, kulturell und sprachlich passenden Umfelds fortzuführen. Bei Bedarf können Patient*innen von dort auch koordiniert in Drittstaaten überwiesen werden – ohne den Bruch in der Versorgung.

Ein humanitärer Imperativ

Vor dem aktuellen Vernichtungskrieg war die Behandlung von Patient*innen aus Gaza in Ostjerusalem zwar eingeschränkt, aber möglich. Bis Oktober 2023 stammten rund 40 Prozent der Patient*innen des Augusta-Victoria-Krankenhauses aus Gaza, darunter etwa 15 Prozent Kinder. Heute sind sie von dieser lebenswichtigen Versorgungsstruktur vollständig abgeschnitten. Die Wiedereröffnung des humanitären Korridors nach Ostjerusalem ist deswegen eine dringende Notwendigkeit. Sie ist der einzige sofort umsetzbare Weg, um tausenden schwer kranken Menschen den Zugang zu lebensrettender Behandlung zu ermöglichen – und das Recht auf Gesundheit für die palästinensische Bevölkerung in Gaza zu wahren.

Was jetzt geschehen muss

Gemeinsam mit unserer Partnerorganisation Physicians for Human Rights fordern wir die internationale Gemeinschaft, humanitäre Akteur*innen und Regierungen auf, unverzüglich Druck auszuüben und konkrete Massnahmen zu ergreifen, um die folgenden Schritte umzusetzen:

  • Sicherstellung der Wiedereröffnung des humanitären Korridors in die Westbank und nach Ostjerusalem, um medizinische Evakuierungen aus Gaza zu ermöglichen:
    • Gewährleistung eines sicheren Krankenhauszugangs und einer sicheren Rückkehr für Patient*innen
    • Befähigung von Laboratorien und Krankenhäuser in der Westbank, Gaza durch Diagnostik und Überweisungen zu unterstützen.
    • Gewährleistung des Zugangs palästinensischer Gesundheitsfachkräfte aus der Westbank und Ostjerusalem nach Gaza, um dort dringend nötige medizinische Versorgung zu leisten
  • Gezielte Unterstützung des Krankenhausnetzwerkes in Ostjerusalem, damit Kapazitäten ausgebaut und Behandlungen für Patient*innen aus Gaza nahtlos fortgeführt werden können.

Ohne diese Schritte bleibt die Öffnung des Rafah-Grenzübergangs ein symbolischer Akt – während für tausende Menschen die Zeit davonläuft!