Vom revolutionären Traum eines freien Nicaraguas ist wenig geblieben. Autoritarismus und Repression prägen den Alltag. Dennoch kämpfen Frauenorganisationen weiter für ihre Rechte und Gesundheit. medico unterstützt ihre wichtige Arbeit, solange es möglich bleibt.

Elvira Ghioldi Thüring

Mitglieder der Jungedgruppe der Gemeinde Nuevo Leon bei einem Workshop von CAMUNG.

Die Frauenbewegung in Nicaragua entwickelte sich im Umfeld der sandinistischen Revolution seit den späten 1970er Jahren. Nach dem Machtverlust der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) in den 1990ern gewann eine autonome Frauen- und Feminismusbewegung an Bedeutung. Es entstanden zahlreiche Gruppen und NGOs, die sich zunehmend kritisch gegenüber der sandinistischen Partei positionierten. Denn trotz ihres Anspruchs auf Gleichberechtigung behandelte die Partei feministische Forderungen als zweitrangig und ordnete sie der revolutionären Gesamtstrategie unter. Auch nach der Rückkehr Daniel Ortegas an die Macht gehörten Aktivistinnen der Frauenbewegung zu den frühen Kritikerinnen des autoritären Umbaus von Staat und Partei.
Das Regime Ortega/Murillo präsentiert sich bis heute mit Gesetzen gegen Gewalt an Frauen und der formalen Verankerung von Gender-Themen in Ministerien als «progressiv». Anders als in vielen anderen Ländern wird die Frauenbewegung nicht durch eine offen antifeministische Staatsdoktrin bedroht. Dennoch reagiert der Staat mit Repression auf die Kritik der Frauenbewegung an der zunehmend autoritär handelnden Regierung und an fortbestehenden patriarchal-religiösen Strukturen. Seit den sozialen Protesten 2018 wurden nahezu alle Frauenorganisationen verboten, ihnen die Rechtspersönlichkeit entzogen und ihr Besitz konfisziert. Der dadurch entstandene soziale Schaden ist enorm.

Engagierte Gesundheitspromotorin

Eine der noch legal tätigen Organisationen, ist das Casa de la Mujer Nueva Guinea (CAMUNG). Es wurde 1993 als Geburtshaus gegründet. Seither habe ich es viele Male besucht und konnte die Entwicklung der Institution und ihres langjährigen Personals als Ärztin und Projektverantwortliche für medico miterleben. So auch bei meinem Besuch im März 2025: Neben gynäkologischer Versorgung und Behandlung bietet das CAMUNG auch Familienmedizin an. Externe Ärzt*innen unterstützen das Casa de la Mujer aus Überzeugung und stellen ihre Leistungen zu deutlich niedrigeren Preisen als in anderen Kliniken zur Verfügung.

Immer wieder beeindruckt mich Doña Rosario, engagierte Laienhebamme und Gesundheitspromotorin des CAMUNG. Als Mitbegründerin der Hebammenvereinigung begleitete sie bis 2007 zahlreiche Hausgeburten; seitdem Geburten per Gesetzt im Spital stattfinden müssen, nur noch in Ausnahmefällen. Heute unterstützt sie die im CAMUNG beherbergten Frauen vor und nach der Geburt und begleitet sie bei einsetzenden Wehen ins Krankenhaus. Doña Rosario lebt mit ihrer Familie im kleinen Dorf Naciones. Neben ihrer Arbeit am CAMUNG ist sie dort als Gesundheitspromotorin tätig: Sie versorgt Wunden, verabreicht Injektionen nach ärztlicher Verordnung, misst Puls und Blutdruck, betreut Schwangere und gibt Verhütungsmittel ab. Regelmässig nimmt sie an Fortbildungen des CAMUNG und des Gesundheitsministeriums teil.

Aufklärungskampagnen

Während meines Projektbesuchs im März 2025 begleitete ich das Team des CAMUNG und die Gesundheitspromotorinnen in umliegende Dörfer. In Jacinto Baca informierten sie Mütter und Jugendliche über die HPV-Impfung zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs. Die nationale Impfkampagne läuft seit 2024 und richtet sich an Mädchen von elf bis 14 Jahren. Besonders beeindruckend war das grosse Interesse der Jugendlichen, die viele Fragen stellten und eigene Erfahrungen teilten. Ergänzend wurde über weitere Krankheiten aufgeklärt, die durch Basisimpfungen verhindert werden können, darunter Tetanus, Keuchhusten, Masern, und Hepatitis B.  Zudem koordiniert das CAMUNG zweimonatliche Treffen mit Jugendlichen in fünf Dörfern. Thematisiert werden unter anderem die Risiken von Drogenkonsum, Mobbing und seine psychischen Folgen für die Opfer sowie Verhütung, insbesondere die Prävention von Schwangerschaften im Jugendalter. Die Begegnung mit der Jugendgruppe von Nuevo León vermittelte mir eindrücklich die Lebensfreude der Jugendlichen. Sie zeigten mir ihr Dorf, das Daheim mit angebautem Kaffee, Bohnen, Mais und Yucca, die Schreinerei und den benachbarten Fluss, der als Badeplatz dient. Frühmorgens fahren sie mit dem Bus ins Nachbarsdorf zur Oberstufenschule, wo Spanisch, Englisch, Mathematik, Geografie, Sozialwissenschaften unterrichtet werden; auch Sport gehört zweimal wöchentlich dazu. Viele träumen davon, in medizinischen Berufen zu arbeiten – als Arzt, Zahnärztin oder Tierarzt. Ihre Eltern sind meist als Bäuer*innen oder Handwerker*innen tätig.

Einsatz für die Rechte der Frau

Trotz rechtlicher Unsicherheiten setzen weitere Kollektive ihre wichtige Arbeit fort. So bietet ein Zufluchtszentrum im Raum Managua Frauen, die von Gewalt betroffen sind, gemeinsam mit ihren Kindern Schutz. Über ein loses Netzwerk solidarischer Frauen finden sie den Weg dorthin. Im Zentrum werden sie von einer engagierten Hausmutter empfangen und erhalten psychologische Betreuung, gynäkologische Versorgung sowie juristische Unterstützung.
In ländlichen Regionen spielen historisch entstandene Alphabetisierungskurse weiterhin eine zentrale Rolle. Sie stärken Frauen und Jugendliche nicht nur in ihren schulischen Fähigkeiten, sondern auch im Wissen über ihre Rechte.