Kuba befindet sich im Würgegriff der US-Sanktionen. Während sich die Versorgungskrise zuspitzt und Trump mit der Übernahme des Inselstaates droht, bestehen die kubanischen medico-Partner*innen auf Selbstbestimmung und machen weiter.
Maja Hess & Angelika Stutz
Yulexis Almeida Junco (mitte) von der Articulación Afrofeminista Cubana zu Besuch in der Geschäftsstelle von medico
Ende April sitzt Yulexis Almeida Junco im medico-Büro in Zürich, ein Glas Wasser in der Hand. Bis kurz vor ihrer Abreise war unklar, ob sie Kuba überhaupt verlassen kann. Die infolge der US-Blockade eskalierende Treibstoffkrise lähmt auch den Flugverkehr und isoliert die Insel immer weiter. Jetzt erzählt die Aktivistin der medico-Partnerorganisation Articulación Afrofeminista Cubana und Dekanin der Fakultät für Philosophie, Soziologie und Geschichte der Universität Havanna ruhig und entschlossen vom Alltag in Kuba – sowie davon, wie die Menschen trotz Krise und Druck weitermachen.
Wenn in Havanna der Strom zurückkehrt, weiss das innert Minuten das ganze Viertel. Dann verändert sich der Rhythmus der Stadt schlagartig: Handys werden geladen, E-Mails verschickt, Wasser gepumpt und Essen vorgekocht. «Der grösste Stress ist, dass wir nie wissen, wann der Strom kommt. Meist ist es mitten in der Nacht und oft nur für eine Stunde», erzählt Yulexis. «Die Hitze ist unerträglich, wir schlafen kaum und Nahrungsmittel verderben.» Der Alltag ist zum Ausnahmezustand geworden: kein Öl, kein Strom, keine Produktion, keine Ersatzteile – ein Gesundheitswesen im Notstand, eine deutlich steigende Kindersterblichkeit. «Lange halten wir das nicht mehr durch», erklärt die Aktivistin.
Die Erschöpfung wächst, sie sitzt im Körper. Immer wieder kommt es zu Protesten gegen die häufigen Stromausfälle und den Mangel an allem – gegen die eigene Regierung und gegen die USA. Wer es sich leisten kann, installiert Solarpanels, um eigenen Strom zu erzeugen und sich ein Stück Unabhängigkeit zu schaffen. Auch internationalistische Solidaritätsbewegungen leisten Unterstützung. «Denn die Sonne kann keine imperialistische Kraft blockieren», sagt Yulexis, «sie scheint in Kuba jeden Tag.»
Neben der wirtschaftlichen Strangulation und dem bewussten Auslaugen der Bevölkerung, droht US-Präsident Trump mit einer militärischen Invasion. Obwohl sich die kubanische Bevölkerung endlich Entlastung von der Krise wünscht, ist für eine Mehrheit klar: Sie wollen ihr Land nicht an die USA ausliefern. Die kubanische Widerstandskraft und das antikoloniale, antiimperialistische Selbstverständnis speisen sich aus Geschichte und Revolution. Im Interview mit Radio Lora sagt Yulexis:«Wenn jemand unsere Freiheit beschneiden will, wehren wir uns – auch wenn wir nicht genug zu essen haben. Wir kämpfen dafür, dass unser Land seine Zukunft selbst bestimmen kann. Kuba hat viele Probleme, aber wir brauchen niemanden, der uns sagt, was das Beste für uns ist».
In der Krise geben lokale Initiativen wie die Articulacion Afrofeminista Cubana vielen Menschen Halt und Perspektive. Trotz aller Hindernisse plant die medico-Partnerin auch 2026 wieder eine feministische Aktionswoche afrokubanischer Frauen mit Aktivitäten in verschiedenen Provinzen. Gerade jetzt müsse die afrokubanische und feministische Community gestärkt werden, sagt Yulexis: «Unsere Widerstandskraft liegt darin, weiterzumachen. Wenn wir aufhören zu träumen und zu leben, erdrückt uns die Situation.» Der letzte Tag der Aktionswoche ist der Selbstfürsorge und kollektiven Heilung gewidmet. Alle bringen ein, was sie können: Von Psychodrama über Massage bis zu Hairstyling und Tanz.
Die Stärkung der Stimme der feministischen und afrokubanischen Community war auch der Grund für Yulexis Reise in die Schweiz. Erstmals nahm sie am Ständigen UN-Forum für Menschen afrikanischer Abstammung (UN-PFAD) teil – und kritisiert die Verhältnisse innerhalb des UN-Systems: «Die meisten Menschen, die hier sprechen, leben nicht mehr in ihren Herkunftsländern und arbeiten für grosse westliche Organisationen», betont Yulexis. Sie forderte deshalb einen globalen UN-Reisefonds, damit mehr Menschen aus Ländern des Globalen Südens ihre Perspektiven gegen systemischen Rassismus einbringen können. Besonders habe sie enttäuscht, wie Afrokubaner*innen, die in Europa oder der USA leben, ihre persönlichen Erfahrungen und politischen Positionen angegriffen und entwertet hätten. «Für einen antirassistischen und feministischen Kampf braucht es Schwesterlichkeit», ist Yulexis überzeugt. «Nur gemeinsam können wir die Verbindung von Klasse, Kapitalismus und Gender sichtbar machen und koloniale und patriarchale Machtstrukturen aufbrechen.»
In den vergangenen Wochen gab es zwar öffentliche Solidaritätsbekundungen mit Kuba – etwa vom Papst oder dem UN-Generalsekretär. Konkrete Unterstützung bleibt jedoch aus. US-Präsident Trump droht mit massiven Strafzöllen gegen Länder, die Kuba mit Erdöl oder dessen Derivaten beliefern. Viele Staaten halten sich deshalb mit Hilfe zurück. Umso wichtiger bleibt internationale Solidarität. Zum Abschluss unseres Gesprächs spricht Yulexis über die Kraft, die solche Unterstützung geben kann – etwa die Solidarität aus Mexiko. «Wir vergessen nicht, wer in schwierigen Zeiten an unserer Seite steht», sagt sie. «Kuba war in der Vergangenheit selbst mit vielen Ländern solidarisch, wenn sie Unterstützung brauchten. Hoffentlich vergesst ihr uns jetzt nicht!»