Die Räume für kritische Zivilgesellschaft schrumpfen – auch in El Salvador. Dennoch konnten die vier medico-Partnerorganisationen ihre Arbeit erfolgreich fortführen, dank Kreativität und starker Verankerung im lokalen Umfeld.
Marco Genoni & Maja Hess
Rollstuhl-Workshop des Vereins für Menschen mit Behinderung «Los Angelitos»
Präsident Bukele regiert El Salvador seit März 2022 unter einem Ausnahmezustand. Dieser setzt grundlegende Rechte ausser Kraft und erlaubt Polizei und Militär Hausdurchsuchungen sowie Verhaftungen ohne richterliche Anordnung durchzuführen. Mehr als 90000 Menschen wurden bereits willkürlich festgenommen, oft ohne Anklage. Kritische Stimmen verschwinden teils monatelang in Haft, werden kriminalisiert oder ins Exil gezwungen. Zudem verschärft das sogenannte Gesetz zur Registrierung ausländischer Agenten den Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen. Es ermöglicht eine weitreichende Kontrolle von Finanzen und Aktivitäten bei hohen bürokratischen Hürden. Die vier medico- Partnerorganisationen erhielten die Steuerbefreiung und die Anerkennung durch das Innenministerium. Diese gilt jedoch nur für ein Jahr, was die Unsicherheit hochhält und erhebliche Ressourcen für administrative Prozesse bindet.
Trotz dieser Entwicklungen gelingt es dem Verein Los Angelitos, sein Engagement für die Rechte von Menschen mit Behinderung fortzuführen und sich weiterzuentwickeln. Angesichts schrumpfender nationaler Handlungsspielräume setzen sie verstärkt auf internationalen Druck, um die Umsetzung des Inklusionsgesetzes einzufordern. Auf operativer Ebene verzeichnet Los Angelitos im Jahr 2025 beachtliche Erfolge: In den vier Regionen, in denen der Verein tätig ist, liegt die Einschulungsquote von Kindern mit Behinderungen deutlich über dem Landesdurchschnitt. Darüber hinaus werden Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderung gezielt darin gestärkt, mitzubestimmen und sich möglichst selbstständig im Verein sowie in ihren Gemeinschaften für ihre Rechte einzusetzen. Ein erfolgreicher Generationswechsel in der politischen Führung sowie der Umstand, dass Frauen erstmals die grosse Mehrheit der aktiven Mitglieder stellen, bilden ein starkes Fundament für die Zukunft.
Die aktuelle Regierungspolitik in El Salvador markiert einen klar rückwärtsgewandten Kurs in Fragen der Gleichstellung und Teilhabe. Seit Mitte 2025 ist der Gebrauch inklusiver Sprache in allen Ministerien per Dekret verboten. Ein Schritt, der Frauen im politischen und sozialen Raum unsichtbar macht. Gleichzeitig herrscht ein stark restriktives Umfeld für sexuelle und reproduktive Rechte, geprägt von patriarchalen und religiösen Machtstrukturen. Umso wichtiger bleibt das Engagement des Hebammenvereins in Suchitoto. Am nationalen Hebammentreffen 2025 bekräftigten alle 70 Teilnehmerinnen ihren gemeinsamen Entschluss, die Arbeit im Bereich sexueller und reproduktiver Gesundheit konsequent fortzusetzen. Die Hebammen begleiten Mütter weiterhin vor und nach der Geburt, stellen Verhütungsmittel und verlässliche Informationen zur Verfügung und wollen dieses Angebot auf ausdrücklichen Wunsch der Frauen ausbauen. Vilma, die Koordinatorin des Vereins, trifft sich auch regelmässig mit homosexuellen Menschen, um über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausschluss zu sprechen. Und die Hebammen wollen im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen von Anfang 2027 politisches Bewusstsein stärken. «Wahlgeschenke wirken nur kurzfristig», sagt Vilma, «aber Regierungen bleiben lange an der Macht. Wir brauchen echte soziale Veränderungen, besonders für Frauen und Jugendliche.»
Die Theatergruppe von «Mujeres Libres» tourt mit ihren Stücken durch verschiedene Gemeinden.
«Ich war im Gefängnis, aber das Gefängnis war nicht in mir», sagt Teodora von der medico-Partnerorganisation Mujeres Libres. Dieser Satz prägt auch die Arbeit des selbstorganisierten Kollektivs, das Frauen, die wegen geburtshilflicher Notfälle inhaftiert wurden, nach ihrer Freilassung Schutz, Solidarität und Unterstützung bietet. Um den staatlichen Einschränkungen etwas entgegenzusetzen und einen Raum für tabuisierte Themen zu öffnen, haben Mitglieder der Mujeres Libres eine Theatergruppe gebildet: Mit ihren selbstgeschriebenen Stücken bringen sie Themen wie sexuelle Rechte, Schwangerschaft, Gewalt gegen Frauen und Einfluss sozialer Medien in ländliche Gemeinden. Mit der medico-Jahrespartnerschaft tritt die Gruppe nun über die Landesgrenzen
hinaus und spielt ihre Stücke in Gefängnissen in Mexiko und Kolumbien. Die kreative Kraft des Theaters lässt die Frauen innere wie äussere Grenzen überschreiten.
Die Psychodramatikerinnen der Frauenorganisation Las Mélidas begleiten regelmässig psychosoziale Gruppenprozesse mit Frauen in ländlichen Regionen. Im geschützten Rahmen können Frauen Ängste überwinden, ihr Schweigen brechen und Gefühle ausdrücken. Sie sprechen über Gewalt und Unsicherheit und finden Raum für Wut und Enttäuschung – ein heilsamer, stärkender Prozess. Eine der Gruppen bestand aus Mitgliedern der Mujeres Libres, welche mithilfe des Psychodramas an der Überwindung ihrer Traumata aus dem Gefängnis arbeiteten. Der feministische Ansatz des Psychodramas wirkt dabei als bewusstes Gegenprogramm zur frauenfeindlichen Politik von Präsident Bukele. Parallel dazu bilden Las Mélidas kontinuierlich weitere Frauen in psychodramatischen Methoden aus.