Trotz der hohen Popularität von Präsidentin Sheinbaum prägen Gewalt, strukturelle Ungleichheit und Defizite in der Gesundheitsversorgung weiterhin den Alltag. Mit neuen und bewährten Partnerschaften konnte medico sein Engagement für Gesundheit und Gerechtigkeit dennoch stärken.

Philipp Gerber & Martin Hesse


Ein Fokus der medico-Partnerorganisation SADEC liegt auf der Frauen- und Mutter-Kind-Gesundheit.

Seit dem gewaltsamen Verschwinden ihres Ehemannes Vicente Suástegui 2021 ist Samanta eine «buscadora». Gemeinsam mit anderen Betroffenen sucht sie in den Hügeln oberhalb von Acapulco nach dem Vater ihrer Töchter – mit Schaufel und Pickel, oft unter Lebensgefahr. «Das Leben meiner ganzen Familie hat sich schlagartig verändert», sagt sie. Die Täter stammen häufig aus kriminellen Netzwerken mit Verbindungen zu staatlichen Akteur*innen. Nach der neusten Eskalation im Drogenkrieg, welche die USA mitverursachte, ist die Suche noch riskanter geworden. Immer wieder finden Angehörige Überreste von Verschwundenen – nur selten werden Vermisste lebend gefunden. Zwar wurden im Fall von Vicente drei Beteiligte zu Haftstrafen verurteilt, doch vom Umweltaktivisten fehlt bis heute jede Spur. Im Frühjahr wurde zudem sein Bruder Marco Antonio Suástegui, ein bekannter Anführer des Widerstands gegen ein Staudammprojekt, angeschossen und erlag eine Woche später seinen Verletzungen. Kurz darauf erhielt Samanta Morddrohungen. Erst öffentlicher Druck führte dazu, dass die Behörden ihre Schutzmassnahmen verstärkten.

Neues Unterstützungskollektiv

Trotz der Bedrohungen, die mit der Suche nach Angehörigen einhergehen, weiss Samanta: «Wenn die Suche erfolgreich ist, bringen wir einen Engel nach Hause – und schenken auch anderen leidenden Familien ein wenig Ruhe». Seit mehreren Jahren wird sie bei der Suche nach Vicente von medico-Partner*innen unterstützt. Seit 2025 durch das neu gegründete Kollektiv Siuat Yoltechikatli. Die Organisation mit Sitz in Acapulco begleitet Angehörige von Verschwundenen sowie politisch Verfolgte und Folterüberlebende mit psychologischer und medizinischer Fachkompetenz. Immer wieder beeindruckt die Resilienz dieser von repressiver Gewalt betroffenen Menschen. Unter widrigsten Umständen kämpfen sie für ihre Rechte. Die Begleitung durch Siuat Yoltechikatli leistet einen entscheidenden Beitrag dazu, dass Aktivist*innen diese Widerstandskraft bewahren können. Der Name der Organisation ist dabei Programm: In der indigenen Nahua-Sprache bedeutet Siuat Yoltechikatli frei übersetzt «Frauen, die mit Mut und Herz für die Menschenrechte arbeiten».

«Buscadores» hängen in Acapulco Vermisstenmeldungen ihrer  verschwundenen Angehörigen auf.

Fokus Jugendliche

Indigene Jugendliche in Südmexiko sind in besonderem Mass Gewalt, Armut, mangelnden Angeboten und Drogen im sozialen Umfeld ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund richtete die medico-Partnerorganisation Codigo DH ihre Arbeit im Jahr 2025 gezielt auf diese Zielgruppe aus. Im Mittelpunkt steht präventive Bildungsarbeit zu Gesundheit und Rechten von Jugendlichen. Mit partizipativen Aktivitäten – etwa dem gemeinsamen Erstellen einer Collage zu Cybergewalt – werden junge Menschen dabei unterstützt, ein eigenes Bewusstsein für diese Themen zu entwickeln und sich besser zu schützen. Ein weiterer Schwerpunkt von Codigo DH bleibt die Stärkung von Frauenkollektiven bei der Verteidigung ihres Territoriums sowie im Aufbau einer kontextsensiblen Gesundheitsversorgung.
Zudem nutzt Codigo DH bewusst politische Handlungsspielräume: Angesichts der strukturellen Krise des öffentlichen Gesundheitssystems im Bundesstaat Oaxaca reichte die Plattform der Menschenrechtsorganisationen, welcher Codigo DH angehört, eine öffentliche Klage ein. Ziel ist es, den Druck auf staatliche Institutionen und die Umsetzung anerkannter kollektiver Rechte im Bereich Gesundheit einzufordern.

Stärkung der Autonomie

Auch die medico-Partnerorganisation SADEC im mexikanischen Bundesstaat Chiapas engagiert sich auf vielfältige Weise für die Gesundheit benachteiligter Bevölkerungsgruppen. Dazu gehört die medizinische Begleitung von Migrant*innen, die auf ihrem Weg nach Norden in Palenque Zwischenstation machen, ebenso wie die Arbeit in einem Frauenzentrum im städtischen Raum Palenques. Ein Schwerpunkt liegt in der Unterstützung der zapatistischen Autonomiestrukturen. SADEC stellt medizinisches Personal für zapatistische Landkliniken, bildet Gesundheitspersonal der Autonomiebewegung aus, führt gemeindebasierte Präventionskampagnen durch und gewährleistet die kontinuierliche medizinische Betreuung der Bevölkerung in den jeweiligen Einzugsgebieten. Besonders im Bereich der Mutter-Kind-Gesundheit sowie der Schwangerschafts- und Geburtsbegleitung konnte die Organisation in den vergangenen Jahren wichtige Fortschritte erzielen. Wie grundlegend Gesundheit als tragende Säule der zapatistischen Autonomie ist, verdeutlicht zuletzt die Kampagne «Ein Operationssaal in der Selva Lacandona». Mit dem geplanten Bau eines zapatistischen Spitals in der Region wird ein weiterer entscheidender Schritt zu einer selbstbestimmten Gesundheitsversorgung gegangen. Die enge Vernetzung mit solidarischen Akteur*innen wie dem Team von SADEC bildet für die zapatistischen Gemeinden eine unverzichtbare Grundlage.