Nach den gewaltsamen Reaktionen der organisierten Kriminalität auf die Tötung des mächtigsten Mafiabosses bei einer Militäraktion warnen mexikanische Menschenrechtsorganisationen vor einer wachsenden Gefährdung von Aktivist*innen. Der medico-Projektverantwortliche, Martin Hesse, ist derzeit auf Projektreise in Mexiko und berichtet aus Acapulco im Bundesstaat Guerrero.
Philipp Gerber & Martin Hesse
Angehörige von Verschwundenen bringen in Acapulco Vermisstenanzeigen an.
Der Tod von «El Mencho», dem Anführer eines Drogenkartells, am Sonntag, 22. Februar und der darauffolgende Gewaltausbruch in elf Bundesstaaten Mexikos wirkten sich auch auf den bekannten Ferienort Acapulco an der Pazifikküste aus. Die Stadt ist seit Jahren von einer extrem hohen Kriminalitätsrate geprägt. Bewaffnete setzten am Sonntagmorgen auch hier Fahrzeuge auf der Autobahn in Brand – nur wenige Kilometer vor der Hafenstadt.
Die gewaltsamen Unruhen wirken sich auch auf die Arbeit der medico-Partnerorganisationen aus. Martin Hesse berichtet, dass eine für Montag geplante Suchaktion eines Kollektivs von Angehörigen verschwundener Personen in den Hügeln rund um Acapulco aus Sicherheitsgründen kurzfristig abgesagt werden musste. Dies, obwohl solche Suchaktionen in der Regel von Militär- und Polizeieinheiten begleitet werden. «Die betroffenen Gebiete gelten als Operationszentren verschiedener Kartelle, weshalb die Suche in der aktuellen Situation als zu gefährlich eingeschätzt wurde», so Martin.
In Acapulco sei die Anspannung deutlich spürbar: Weniger Menschen seien auf den Strassen unterwegs gewesen, zahlreiche Geschäfte und Schulen blieben am Montag geschlossen. «Seit Jahren bestimmt Gewalt den Alltag in der Region», betont das Team von Siuat Yoltechikatli. «Neue Gewaltausbrüche lösen daher unmittelbare Reaktionen aus – etwa Panikkäufe oder die Angst, das Haus zu verlassen.» Dennoch setzte das Suchkollektiv seine Arbeit am Dienstag fort: In Begleitung der medico-Partner*innen und unter Polizeischutz brachten die Angehörigen Vermisstenanzeigen im Stadtgebiet an – ein weiteres Zeichen ihres Mutes und ihrer Beharrlichkeit. Trotz anhaltender Gefahr suchen sie unermüdlich nach ihren verschwundenen Familienmitgliedern.
Inzwischen haben sich verschiedene mexikanische Organisationen zur eklatanten Sicherheitskrise nach der Militäroperation vom Sonntag geäussert. Sie setzen sich einstimmig für Frieden und Gerechtigkeit ein: «Terror darf nicht zum Alltag in unserem Land werden: Solidarität mit den Gemeinden, die von der jüngsten Welle der Gewalt in Mexiko betroffen sind», schreibt etwa die Menschenrechtsplattform, die von der medico-Partnerorganisation Codigo DH in Oaxaca mitinitiiert wurde, in einem Statement.