Auch dieses Jahr waren wir am 1.Mai-Programm in Zürich aktiv. Mit Veranstaltungen zu Palästina und zu Syrien/Rojava konnten wir durch direkte Begegnungen kämpfe verbinden.
Alice Froidevaux
Anouk Robinigg, Anita Starosta, Meral Çiçek und Maja Hess (v.l.n.r.) an der medico-Veranstaltung zu Syrien und Rojava im 1. Mai-Politprogramm.
«Würde Stefan Zweig leben, hätte er wohl Rojava in sein Buch Sternstunden der Menschheit aufgenommen. Revolutionär ist, wenn man in der Dunkelheit Sterne erkennt und diesen Lichtblicken folgt», sagte Meral Çiçek, Journalistin und Vertreterin der Kurdischen Frauenbewegung in Europa auf dem Podium der medico-Veranstaltung «Syrien & Rojava: Das Ende der Demokratie und Selbstbestimmung?». Auch wenn viele Institutionen der Revolution aktuell wieder zerstört werden, lebe das Bewusstsein für Frauenbefreiung, Geschlechtergleichheit, Basisdemokratie, Ökologie und Pluralismus in den Menschen weiter. «Wir befinden uns lediglich in einer neuen Stufe des Kampfes, wir sind konfrontiert mit neuen Realitäten. Deshalb verändert sich die Natur des Kampfes. Es ist wichtig, dass wir am Verhandlungstisch dafür einstehen, dass unsere Errungenschaften offiziell anerkannt werden – aber noch wichtiger ist, dass wir de facto die Revolution weiterleben, überall wo es möglich ist», so Meral. Die Frauenbewegung nehme dabei eine Schlüsselrolle ein und gebe sich nicht geschlagen. «Aber das bedarf Solidarität und unsere aktive Unterstützung.»
Ein «revolutionärer Lichtblick» war auch die Zusammensetzung des Podiums unserer Veranstaltung «Genozid, Besatzung – Widerstand: Palästinensische und antizionistische israelische Perspektiven». Es sprachen Dr. Mohammed Abu Mughaisib, palästinensischer Arzt und Psychodramatiker aus Gaza, der heute im Exil in Irland lebt, sowie Orly Noy, jüdisch-iranische Journalistin, Aktivistin und Vorsitzende der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem. In ihrer Begegnung zeigte sich, was in Zeiten von Spaltung und Entmenschlichung selten erscheint: ein respektvolles, solidarisches Miteinander, das politische Gräben überwindet.
Mohammed überlebte 712 Tage im Genozid in Gaza, bevor er im September 2025 evakuiert werden konnte. In seinen Schilderungen verband sich Erschöpfung, Trauer und Erleichterung. Er berichtete von getöteten Kolleg*innen, von Spitälern, in denen unmögliche Entscheidungen über Leben und Tod getroffen werden mussten, sowie von Kolleg*innen, die im Einsatz Menschen retteten und gleichzeitig ihre eigenen Familien nicht schützen konnten. Er sprach zudem von Frauen, denen selbst elementare Würde verwehrt bleibt, weil es an Wasser und Privatsphäre für die Menstruationshygiene fehlt. «Ich kann hier heute nur von einigen Schicksalen erzählen, aber jede Familie hat hunderte davon», so Mohammed. Seine bewegenden Zeugnisse und die spürbare Betroffenheit im Saal machten deutlich, wie wichtig direkte Stimmen aus Gaza sind. Stimmen, die in den Medien oft fehlen und zeigen, dass hinter den Zahlen Menschen stehen: ein Arzt, ein Vater, ein Freund, der sich nichts mehr wünscht als Frieden. Besonders bleiben Mohammeds Worte, in denen sich das Ausmass der Zerstörung in persönlicher Wahrnehmung verdichtet: «In Gaza gibt es keine Farben mehr. Wenn ich an das Gaza denke, das ich zurückgelassen habe, sehe ich nur grau, schwarz und braun. Erst als ich in Jordanien und später in Irland ankam, sah ich wieder Grün – und erinnerte mich daran, wie Farben aussehen.»
«Ja, wir müssen Gaza im Zentrum der Aufmerksamkeit behalten, aber auch das gesamte System israelischer Kontrolle zwischen Fluss und Meer im Blick haben», sagte Orly. Für die internationale Öffentlichkeit sei es bequem, den Genozid in Gaza als isoliertes Ereignis zu betrachten. Diese Verengung habe es Israel ermöglicht, Gewalt und ethnische Säuberung insbesondere in der Westbank weiter zu verschärfen. Entscheiden sei, die langfristige israelische Strategie der Zersplitterung und Kontrolle des palästinensischen Raums zu verstehen – mit dem Ziel, palästinensische Existenz als zusammenhängende politische und soziale Einheit zu untergraben. Heute seien die Palästinenser*innen in fünf Gruppen unterteilt: Gaza, die Westbank, Ostjerusalem, die palästinensischen Bürger*innen Israels und die Diaspora. Als sechste Gruppe könnten die Zehntausenden palästinensischen Gefangenen in israelischer Haft betrachtet werden. Jede dieser Gruppen unterliege eigenen Formen von Entrechtung, Kontrolle und Gewalt – zugespitzt gesagt: unterschiedlichen Modi ihrer Zerstörung. «Das Ziel Israels ist längst nicht mehr nur ‹Teile und herrsche›, sondern ‹Teile und vernichte›», sagte Orly. Zudem betonte sie die breite gesellschaftliche Unterstützung für den Genozid innerhalb Israels. Das Trauma des 7. Oktober sei von der Regierung gezielt in Rache- und Vergeltungslogiken überführt worden. Hoffnung auf Veränderung von innen habe sie kaum: «Ich glaube nicht, dass sich die israelische Gesellschaft aus sich selbst heraus verändern wird – nicht, solange sie keinen Preis für diese Verbrechen bezahlt.»
Hoffnung finden Orly und Mohammed in weltweiten Solidaritätsbewegungen. Überall seien Netzwerke entstanden, die die Realität in Palästina verstehen wollen, sich gegen die anhaltende Straflosigkeit Israels sowie beteiligter westlicher Unternehmen engagieren. Besonders die jüngere Generation gebe Anlass zur Hoffnung: Menschen, die künftig politische Verantwortung übernehmen und mit der bisherigen Komplizenschaft brechen könnten. «Wir sind viel mehr als unsere Regierungen! Die Hoffnung seid ihr», sagte Orly zum Abschluss. Aus den Begegnungen mit unseren Gästen sowie den gut besuchten Veranstaltungen zu Palästina und zu Syrien/Rojava gehen wir trotz der düsteren Gegenwart gestärkt hervor. Sie bestätigen uns, dass unsere Arbeit und Solidarität weiterhin zentral bleiben. Anita Starosta von medico Deutschland, Teil unseres Frauenpodiums zu Rojava, brachte es so auf den Punkt: «Es tut gut, über solche, nicht einfachen Themen in guter Gesellschaft zu sprechen!»