Gerechtigkeit entsteht nicht von selbst. Sie muss erkämpft werden. Die Geschichten aus Guatemala, Kurdistan, Palästina und Kuba im aktuellen Bulletin zeigen: Gerade in schwierigen politischen Zeiten ist es wichtig, auch Erfolge sichtbar zu machen – und daraus Kraft für den weiteren Kampf für das Recht auf Gesundheit und Leben zu schöpfen.

Alice Froidevaux

Editorial

Liebe Leser*innen

Gerechtigkeit entsteht nicht von selbst. Sie muss erkämpft werden. Dieser Kampf verläuft selten geradlinig. Er kennt Fortschritte und Rückschläge. Was erreicht ist, muss immer wieder verteidigt werden. Gerechtigkeit braucht deshalb politischen Druck, das beharrliche Engagement der Zivilgesellschaft – und vor allem einen langen Atem.

In Guatemala legt die aktuelle Regierung 30 Jahre nach der Unterzeichnung der Friedensabkommen einen neuen Plan für die Opfer des Bürgerkriegs vor – ein neuer Anlauf für eine ganzheitliche Wiedergutmachung. Dieser wichtige Schritt ist vor allem den Opferverbänden und der guatemaltekischen Zivilgesellschaft zu verdanken. Doch ein Plan allein schafft noch keine Gerechtigkeit. Die medico-Partnerorganisation AGPD wird als Selbsthilfevereinigung für Kriegsversehrte deshalb weiter dafür kämpfen, dass aus dem politischen Versprechen konkrete Wiedergutmachung wird.

In Kurdistan können Familien aus Afrin nach mehrfacher Vertreibung, nach Jahren der Gewalt und Entbehrung wieder in ihre Heimat zurückkehren. Sie haben ihre Sehnsucht und ihre Hoffnung nie aufgegeben. Doch nach acht Jahren türkischer Besatzung und der Herrschaft dschihadistischer Milizen ist Afrin nicht mehr dieselbe Stadt wie einst. Der Kampf um die eigene Heimat ist noch nicht vorbei. Die medico-Partnerorganisation Kurdischer Roter Halbmond hat die Menschen aus Afrin auf den verschiedenen Stationen ihres langen Weges begleitet und bleibt weiterhin an ihrer Seite.

«Wir weigern uns, angesichts des Leids Tausender Patient*innen wegzusehen», sagt Milena Ansari von der medico-Partnerorganisation Physicians for Human Rights Israel. Sie spricht von der Situation in Gaza ebenso wie vom Zusammenbruch des öffentlichen Gesundheitssystems in der besetzten Westbank. Für Gerechtigkeit zu kämpfen, bedeutet auch: weiterzumachen, gerade dann, wenn das Leid überwältigend ist und die politischen Verhältnisse scheinbar unverrückbar sind; weiter hinzuschauen, gerade dann, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt.

Das prägt auch unser Verständnis von langfristiger solidarischer Partnerschaft. Das Solarprojekt für das Kinderspital «El Cerro» in Kuba steht für eine jahrzehntelange internationalistische Solidarität, die sich gegen US-Imperialismus und Blockade behauptet und bis heute konkrete Unterstützung möglich macht.

Die Geschichten in diesem Bulletin zeigen: Gerade in schwierigen politischen Zeiten müssen wir auch die Erfolge sehen, um aus ihnen Kraft für den weiteren Kampf zu schöpfen.
«Niemals aufgeben» – das klingt schnell nach einer blossen Parole. Für uns bedeutet es, Hoffnung als kollektiven Prozess und als tägliche Handlung zu verstehen. Sie entsteht dort, wo Menschen sich zusammenschliessen, sich widersetzen, einander unterstützen und Möglichkeiten offenhalten, wenn andere keine mehr sehen.

Unsere Partner*innen zeigen grosse Widerstandskraft. Ihr Kampf für Gerechtigkeit benötigt auch unseren langen Atem, unsere beharrliche Solidarität. Danke, dass Sie diesen Weg mit uns gehen!