medico international schweiz

Jahresbericht 2011: Die Tragödie dauert an

Ausbau von Siedlungen, Weiterbau der Mauer und des Zauns, tägliche Demütigungen an Checkpoints, ungenügender Zugang zu medizinischer Versorgung, schreiende Ungerechtigkeiten bei der Verteilung der Wassers: die Situation für die PalästinenserInnen blieb auch im letzten Jahr schlimm. Nicht zu vergessen sind die fortgesetzte Abriegelung des Gazstreifens und ihre Folgen für die Bevölkerung. Die Haltung hat sich auf beiden Seiten weiter verhärtet. Dies zeigte sich deutlich in der vehementen Ablehnung seitens der israelischen Regierung des Antrages von Präsident Abbas und der PLO im September 2011 an den UNO-Sicherheitsrat, Palästina als Mitglied der UNO-Vollversammlung aufzunehmen. Angesichts dieser Situation sind diejenigen Gruppierungen bewundernswürdig, die weiterhin auf gegenseitige Verständigung setzen. Hier setzt auch die Unterstützung von medico an.

 

Basismedizin und Verständigung stärken

medico setzt sich für den Zugang der Bevölkerung zur gesundheitlichen Versorgung ein. Dieser ist durch die Besatzung, die Einschränkung der Bewegungsfreiheit und die Folgen der Abriegelung des Gazastreifens sehr erschwert. Bedeutsam ist für uns die Wahl demokratisch organisierter und politisch emanzipatorisch gesinnter ProjektpartnerInnen, die in der palästinensischen Bevölkerung akzeptiert und verankert sind. Seit den Neunzigerjahren ist unsere wichtigste Partnerin die Palestinian Medical Relief Society PMRS. Im Frühling 2011 besuchten Barbara Schumacher und Jochi Weil von medico unsere ProjektpartnerInnen in der Westbank und in Ostjerusalem. Eine Bewilligung für den Besuch bei den ProjektpartnerInnen in Gaza wurde ihnen von den israelischen Behörden verweigert.

Ein beliebter Schularzt für Ostjerusalem

medico unterstützt ein Gesundheitsprogramm für Kinder, das die Medical Relief Society MRS in Ostjerusalem durchführt. Mit Dr. Ramzi und einer Gesundheitspflegerin besuchten wir einen Kindergarten im Dorf Azaria, ausserhalb der Mauer, und konnten uns einmal mehr von der sorgfältigen Arbeit überzeugen. Im Rahmen des Programms werden hier Buben und Mädchen medizinisch untersucht und auch beispielsweise zum Thema gesunde Ernährung unterrichtet. An einem Festival zu diesem Thema in Jerusalem beeindruckte uns der herzliche Umgang des Schularztes mit den Jugendlichen. Im November 2011 wurden wir von der MRS dringend um Unterstützung gebeten, weil die Löhne von Mitarbeitenden seit Monaten nicht mehr bezahlt werden konnten. Dank der Unterstützung durch die Kampagne Olivenöl und unserer bewährten Zusammenarbeit trafen im letzten Moment dafür noch zusätzliche 25‘000 Euro in Ostjerusalem ein.

 

Wissbegierige Studentinnen in der Gesundheitspflegerinnen-Schule in Ramallah, Westbank

Dieses Projekt liegt uns sehr am Herzen, geht es doch auch um die berufliche Förderung junger Frauen. Aus finanziellen Gründen wurde im vergangenen Jahr nur ein Klassenzug geführt. Zur Zeit sind medico und Kampagne Olivenöl die einzigen NGOs, welche die zweijährige Ausbildung für die Energie geladenen jungen Frauen aus dem Ausland finanziell unterstützen.

 

Physicians for Human Rights PHR-Israel: Eine medizinische Brücke

Unsere Teilnahme an einer mobilen Klinik in einem Dorf in der Region von Jenin, Westbank, bestätigt uns erneut, dass die Begegnung und die Verständigung zwischen Israeli und PalästinenserInnen nach wie vor möglich ist. Israelische ÄrztInnen untersuchen an ihrem freien Tag jeweils mehr als 200 PatientInnen und überweisen sie wenn nötig zur Behandlung weiter. Sicher, die medizinische Arbeit bleibt dabei punktuell. Doch die Begegnungen bieten kostbare Gelegenheit, immer wieder an verfestigten Feindbildern zu rütteln.

Das von Dorfseite ausgerichtete palästinensische Essen, zum Abschluss des Arbeitstages in entspannter Atmosphäre genossen, führt vor Augen, wie sehr diese medizinische Zusammenarbeit zwischen der PMRS und den PHR-Israel von der örtlichen Bevölkerung geschätzt wird. In diesem Sinne ist auch die Auszeichnung zu verstehen, die dem medico- Projektverantwortlichen zum Abschluss überreicht wird. 

Jochi Weil

 

Psychodrama in Gaza
Seit 2003 haben wir, die Psychodramaleiterin Ursula Hauser und die Co-Therapeutin Maja Hess, eine Gruppe von 15 Personen in der Methode des Psychodramas ausgebildet und ihnen damit gleichzeitig die Möglichkeit für einen eigenen therapeutischen Prozess angeboten. Acht Personen haben nach acht Jahren ihre Ausbildung als PsychodramaleiterInnen abgeschlossen. Sie arbeiten im Rahmen des Gaza Community Mental Health Programme (GCMHP), welches vor Jahren vom bekannten Psychiater und Psychoanalytiker Eyad Sarraj gegründet und lange geleitet wurde. Mit ihrem neu erworbenen Wissen sind sie bereits seit längerem in den Flüchtlingslagern, mit Kindern, Frauengruppen, LehrerInnen, Jugendlichen, mit religiösen Leadern und StudentInnen tätig.
Nach dem Angriff auf Gaza im Dezember 2008, wie auch schon zuvor, haben sie Krisenintervention geleistet. Mit unserer Unterstützung konnten sie auch ihre eigenen traumatischen Erfahrungen bearbeiten.
Die Tatsache, dass wir trotz Mauern und bürokratischer Grenzen, trotz Krieg, Angriffe und auch interner Konflikte immer wieder nach Gaza gekommen sind, hat die Gruppe sehr gestärkt und ein tiefes Vertrauen aufgebaut. Unsere Verlässlichkeit hat auch symbolisch eine Bresche in die Mauer geschlagen und die unmenschliche Isolation der Menschen in Gaza, für einen Augenblick wenigstens, durchbrochen.

Maja Hess

 

Die Palästina-Projekte im Überblick:

Projekt: Medizinische Brücke in der Westbank
Projektpartner: «Physicians for Human Rights», Israel

Projekt: Psychodrama-Ausbildung in Gaza
Projektpartner: «Gaza Community Mental Health Program» (GCMHP)

Projekt: Ausbildung von Gesundheitspflegerinnen, Ramallah
Projektpartner: «Palestinian Medical Relief Society» (PMRS)

Projekt: Gesundheitsprogramm an Schulen und Kindergärten in Ostjerusalem
Projektpartner: «Medical Relief Society» (MRS)

Total Projektzahlungen 2011:  169‘626 Franken