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Gaza: „Unsere Zivilgesellschaft hat noch Widerstandskraft” |
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Interview
mit Majeda Al-Saqqa, Sprecherin der Culture & Free Thought
Association, einer Partnerorganisation von medico international
deutschalnd in Gaza, über die Auswirkungen der israelischen Blockade
auf das soziale und politische Leben. Von Tsafrir Cohen, Ramallah
Über drei Jahre nach ihrem Beginn, wird von einer Aufweichung der Blockade gesprochen. Grund zur Freude?
Das würde unsere Abhängigkeit von den Waren verringern, die durch die
Tunnel aus Ägypten geschmuggelt werden. Da es sich um Schmuggelware
handelt, haben Geräte keine Garantien, Medikamente und Lebensmittel
falsche Verfallsdaten, und insgesamt ist alles von miserabler Qualität.
Die Blockade betrifft alle Lebensbereiche. Unsere Fahrzeuge müssen
häufiger für viel Geld in die Reparatur, weil das schlechte Benzin den
Motor beschädigt. Die Malstifte, die wir für Kurse nutzen, trocknen
nach einmaligem Gebrauch einfach aus. Gerade schreiben alle Schüler
ihre Endexamen, doch weil auch die Energiezufuhr nicht reibungslos
funktioniert, fällt der Strom etwa acht Stunden am Tag aus, meist
abends. Eine bessere und kontrollierte Zufuhr von Hilfsgütern wird aber
die Arbeitslosigkeit, die bei über 40% liegt, nicht senken helfen. Auch
wird sie die Abhängigkeit von Außenhilfe nicht verringern, die bei 80%
liegt. Beides verursacht eine Krise der Würde.
Wie wirkt diese Krise der Würde aus?
Die physische Aussperrung zieht eine mentale Blockade nach sich. Ohne
Arbeit sind die Tage eine ständige Wiederholung, die Menschen ziehen
sich immer mehr ins Private zurück. Währenddessen wird die öffentliche
Sphäre von religiösen Angeboten, etwa der islamischen Universitäten,
besetzt. Alternativen dagegen sind immer schwieriger. Früher
organisierten wir in unseren Zentren rege, kontroverse politische
Diskussionen. Heute undenkbar. Gegenwärtig müssen wir aufpassen, wen
wir einladen und welche Themen wir aussuchen, denn es werden Exempel
statuiert. Neulich wurde eine befreundete Nichtregierungsorganisation
geschlossen. Wahrscheinlich weil sie gemischtgeschlechtliche Angebote
hatten. Vielleicht aber auch weil sie mit den islamischen
Organisationen konkurrierten. Früher wären Leute auf die Straße
gegangen. Heute geht es nicht mehr. Der Protest verlegte sich aber aufs
Internet. 12.000 Menschen haben sich diesem Protest angeschlossen, und
die Organisation durfte wieder aufmachen. Die Gazaer Zivilgesellschaft
hat noch Widerstandskraft. Doch es ist ein Kampf gegen die Zeit. Denn
einmal angestoßen, können solche Entwicklungen nur schwer rückgängig
gemacht werden. Wenn die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit nicht
aufgehoben werden, werden wir zu einer geschlossenen, konservativen
Gesellschaft mit immer mehr reaktionären Elementen.
Sind Frauen besonders hiervon betroffen?
Eindeutig. Während junge Männer ihre Zeit wenigstens in Cafes
verbringen können, dürfen Mädchen kaum dorthin. Gehen sie dahin, etwa
mit der Familie, so ist es ihnen mittlerweile in der Öffentlichkeit
untersagt, Wasserpfeife zu rauchen. Auch ein Strandbesuch ist
mittlerweile nur in familiärer Begleitung üblich. Der Aktionsradius -
und damit die Lebenswelt - von Frauen beschränkt sich immer mehr auf
das eigene Haus und die (Groß)Familie. Bei sozioökonomisch schwachen
Haushalten dürfen Frauen das Haus unbegleitet nur mit gutem Grund
verlassen. Etwa wenn medizinische Gründe vorliegen. Etwa für einen
Besuch eines unserer Frauengesundheitsprogramme. Hier setzen wir an:
Einmal in unserem Zentrum angekommen, nehmen sie an einem
Gesundheitscheck oder einem Kurs zu Brustkrebsfrüherkennung teil.
Gleichzeitig können sie unsere anderen Angebote wahrnehmen. Sie können
einen Vortrag hören, an einem Malkurs teilnehmen, Sport treiben oder
einfach mit anderen Frauen im Hamam ausspannen. Für viele Frauen ist
unser Zentrum die einzige verbliebene Möglichkeit die eigenen Horizonte
zu erweitern.
Projektstichwort:
Die Frauenorganisation „The Culture and Free Thought Association“
(CFTA) betreibt im südlichen Gazastreifen sechs Zentren für Frauen,
Kinder und Jugendliche. Das Frauengesundheitszentrum befindet sich in
Flüchtlingslager Al Bureij, etwa fünf Kilometer südlich von Gaza-Stadt,
in dem ca. 30.000 Menschen leben. Das Lager ist gilt als besonders
gewalttätiger Ort für Frauen mit einer hohen Rate an schwerer
häuslicher Gewalt. Mehr Information zum Projekt finden sie bei medico
international deutschland
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