05.11.09.
Drei Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren wurden vergangenes
Wochenende in
der Sierra Coyuca de Catalán ermordet. Die Bevölkerung der Gemeinde
Puerto las
Ollas (120 km Luftlinie vom Touristenort Acapulco entfernt) leidet seit
Juni unter den Übergriffen von Seiten der mexikanischen Bundesarmee,
die mehrmals in Kollaboration mit bewaffneten Zivilpersonen in die
Gemeinde eindrang. Die dabei begangenen massiven
Menschenrechtsverletzungen - u. a. die Folter eines kranken Jungen, der
nicht
wie die restliche männliche Bevölkerung rechtzeitig in die Berge
fliehen konnte
- wurden von unserer Partnerorganisation CCTI (Kollektiv gegen Folter
und
Straflosigkeit) in Missionen in die abgelegene Gemeinde
dokumentiert. Diese Beobachtungsmissionen fanden in enger
Zusammenarbeit mit weiteren
Menschenrechtsorganisationen und der bundesstaatlichen
Menschenrechtsstelle
Coddehum statt.
Just
zwei Tage nachdem das Militär wieder drei Stunden lang den Dorfeingang
belagerte, sind nun die drei Jugendlichen Bertín y Alejandro García Cortés und
Rogelio García Valdovinos ermordet worden, als sie auf dem Weg zum
nächstgrösseren Dorf waren, um Dünger kaufen zu gehen. Sie gerieten an einer
Strassenkreuzung 4 km ausserhalb des Dorfes in einen Feuerhinterhalt. Die
Menschenrechtsorganisation Tadeco berichtet von dem Vorfall und dokumentiert
die Aussage der Angehörigen, welche hinter dem Attentat die Paramilitärs
vermuten, welche auch beim ersten Militärübergriff im Juni die Militärs
anführten, dies mit dem Schlachtruf "Viva Rogaciano". Rogaciano Alba, ehemals
PRI-Politiker, Präsident der Viehzüchtervereinigung und Profiteur der Abholzung
der Sierra von Petatlán, lebt seit einem Massaker an seiner Familie im
Untergrund und wird mit von Kronzeugen aus der Drogenmafia als lokaler
Statthalter des Drogenkartells von Sinaloa bezeichnet, deren Chef Joaquín "El
Chapo" Guzmán durch die Aufnahme in die Liste der reichsten Männer der Welt
durch die Zeitschrift "Forbes" internationale Berühmtheit erlangte.
Die
Dorfbevölkerung von Puerto las Ollas berichtet, der Mord sei am
Samstagnachmittag geschehen, doch erst am Sonntag wagten sie sich bis zur
Strassenkreuzung vor, da sie befürchten mussten, dass sie ebenfalls beschossen
würden. Am Montag fand die Beerdigung der drei Jugendlichen statt. Hintergrund
der Morde ist gemäss den Verwandten, dass Rogaciano Alba sie durch Terror von
Grund und Boden vertreiben wolle. Die Gemeinden der Sierra de Petatlán und der benachbarten Sierra de Coyuca de Catalán leben
seit langem in einem Belagerungszustand durch die lokalen Kaziken, welche die
illegale Abholzung der Sierra betreiben und mit den Drogenkartellen und dem
Militär gemeinsame Sache machen. Die Bevölkerung, welche sich gegen den Raubbau an der Natur organisierte, lebt heute
eingeschlossen in ihren Dörfern, die Männer schlafen in den Wäldern aus Angst
vor nächtlichen Angriffen, ausgesät wird nicht mehr.
Ein Hintergrund für die sich zuspitzende Situation ist auch die
verstärkte Aktivität
der Guerilla ERPI (Ejercito Revolucionario del Pueblo Insurgente) in
der
Region, welche für die lokalen Machtinteressen ein Hindernis bedeutet.
Das ERPI denunzierte kürzlich explizit
die Zusammenarbeit von Drogenbanden mit dem Militär in Sachen
Aufstandsbekämpfung. Ebenfalls letzte Woche kamen Jacobo Silva Nogales
und Gloria Arenas, zwei
Gründungsmitglieder des ERPI, welche 1999 verhaftet und im Gefängnis
massiv
gefoltert wurden, nach über 10 Jahren Haft frei. Kaum ein Zufall, dass
gleich darauf das Militär Präsenz markiert und die Paramilitärs wieder
morden.
medico
international schweiz unterstützt angesichts der kritischen Situation in
Guerrero verstärkt die Bemühungen der Partnerorganisation CCTI, die Prävention
und Dokumentation von Folter voranzutreiben sowie die Straflosigkeit und den
versteckten Krieg in Guerrero sichtbar zu machen. Dies ist eine gefährliche
Arbeit, so wurde beispielsweise im August eine kritische Nachrichtensendung am
Radio XEPI geschlossen, welche die Übergriffe in Puerto las Ollas
denunzierte, und im Oktober das Haus des Menschenrechtsanwalts von CCTI
beschossen. Die Organisationen vor Ort machen die Behörden für die Sicherheit
und Integrität der DorfbewohnerInnen und der Menschenrechtsverteidiger
verantwortlich.