31.08.09. Ein Jahr nach den verheerenden Wirbelstürmen (siehe medico-Artikel zu Nothilfe) erreicht uns aus Cuba ein persönlicher Bericht über den Wiederaufbau von Beat Schmid, Mitarbeiter von internationalen NGO's:
Beat Schmid, Habana. Vor genau einem Jahr – am 30. August – blieb es im
Osten Cubas die ganze Nacht dunkel. Hurrican Gustav war über die Isla
de Juventud und die Provinz Pinar del Rio gezogen. Bei 340 km/h
Windgeschwindigkeit stieg an einem Ort das Messgerät aus, es war die
schnellste Windböe in der Geschichte der meteorologischen
Aufzeichnungen.
Das Bild der Verwüstung war erschütternd, obwohl dank des guten
Zivilschutzsystems keine Menschenleben zu beklagen waren. Tausende von
Häusern zerstört oder beschädigt, vor allem die Dächer auch von
Fabriken, Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Büros,
landwirtschaftlichen Anlagen, etc. Auf der Isla de Juventud stand so
gut wie kein Strom und Telefonmast mehr, kein Baum trug mehr ein Blatt,
kahl standen oder lagen sie da, die bodennahen Pflanzen von der
Windgeschwindigkeit versengt.
“Wir hatten solche Sehnsucht nach Grün”, sagt Marianita von der
Vereinigung der LandwirtschaftstechnikerInnen. Ihre Organisation half
mit den Stadtgärten und Kleinbauern/bäuerinnen wieder auf die Beine zu
helfen, Macheten, Spritzkannen, Hacken und eben grüne Shirts als
Arbeitskleidung – bei vielen vom Winde verweht – als Zeichen der
Hoffnung.
“Wir haben diese 4 Hektaren vor 3 Jahren übernommen. Niemand wollte
sie, alle behaupteten es sei schlechter Boden, aber wir haben daraus
einen Garten gemacht. Gustav liess uns nichts, weder Haus noch
Pflanzen. Mein Mann setze sich hin und weinte als er das sah. Ich sagte
ihm, dann fangen wir eben wieder von vorne an und so begannen wir die
Bäume aufzurichten und zu stützen, heute tragen sie wieder Kokosnüssen,
Guayabas und anderes mehr. Hier helfen alle mit, auch die Kleine wenn
sie nicht in der Schule ist und bald wird auch unser neues Haus fertig
sein”, so ein Bäuerin, die wir in der Mittagshitze in ihrer Arbeit
unterbrechen.
Auf der Isla de Juventud waren alle betroffen und alle krempelten die
Ärmel hoch. Hilfstruppen der Armee, Telefon- und
Elektrizitätsgesellschaft und auch eine spontane Kulturbrigade, die
tagsüber hämmerte und nachts die wunden Seelen pflegte war bald zur
Stelle. Gekocht wurde in Grossküchen, die Löhne in den Betrieben wurden
derweil weiterbezahlt und in jedem Quartier eine Prioritätenliste nach
Dringlichkeit der Fälle erstellt und in einer Vollversammlung
verabschiedet. Alte Leute, Familien mit Kinder, Personen mit
Behinderung, etc. haben Priorität, alle wissen, welche Nummer in der
Liste sie sind, Konflikte gibt es verhältnissmässig wenige. Kader
stehen meist zuhinterst auf der Liste. Alle Güter werden nach diesem
Schlüssel verteilt, was Diskrimination nach Religion, Rasse oder
politischer Orientierung verhindert und es internationalen
Organisationen ermöglicht, rasch und auf lokale Strukturen abgestützt
zu handeln.
Nach einem Jahr sind die Wunden noch zu sehen, überall. Denn auf Gustav
folgte Ike, der zuerst fast den gesamten Rest des Landes beschädigte,
ehe er Isla de Juventud und Pinar del Rio heimsuchte, der zweite
Hurrican in 40 Tagen und nun waren 20% des Bruttosozialproduktes
zerstört, 70’000 Häuser lagen am Boden und rund eine halbe Million
waren beschädigt. Dazu kam der weltweite Hurrican der
Weltwirtschaftskrise. Die Preise für Nickel – Hauptexportprodukt des
Landes – fielen in die Nähe der Produktionskosten und obwohl gar 3%
mehr TouristInnen als im vergangenen Jahr kommen, gucken diese viel
mehr aufs Portemonnaie und so kommt weniger Geld in die Kassen, um die
Behebung der auf 10 Milliarden Dollar geschätzen Schäden zu finanzieren.
Dennoch sind die Fortschritte beachtlich. Kaum mehr leben Leute in
Notunterkünften, aber das Dach über dem Kopf bleibt das drängendste
Problem. Noch nicht einmal die Hälfte der Häuser sind repariert, bei
den Neubauten liegt der Prozentsatz erheblich tiefer. Es wird Jahre
dauern, eh diese Schäden ganz behoben sind und bereits ist die nächste
– bislang gütige – Sturmsaison, die von Juni bis November dauert,
angebrochen. Aus Trümmern und Überbleibseln haben sich Zehntausende ein
provisorisches Zuhause erstellt, leben zusammengepfercht auf kleinstem
Raum. Soziale Konflikte und Gewalt in der Familie nehmen zu. Dass es zu
keinen Seuchen kam ist dem gutorganisierten Gesundheitswesen zu
verdanken. Im beginnenden Schuljahr gehören die Schulzimmer in von
Familien und LehrerInnen geliehenen Wohnzimmern weitgehend der
Vergangenheit an. Verkehrs-, Strom- und Telefonnetz sind
wiederhergestellt.
Vor allem auf dem Land legen die Leute die Hände nicht in den Schoss
sondern begannen sogleich damit die Felder zu räumen und erneut zu
bepflanzen. Yanisleidis Rodriguez erzählt stolz dass im Quartier Abel
Santamaría der Stadtgarten in den ersten 100 Tagen nach dem Wirbelsturm
11.45 Tonnen Gemüse geerntet und zu erschwinglichen Preisen an die
Bevölkerung verkauft hat. Bereits zu Jahresende gab es auf den Märkten
genügend Gemüse für alle, wenn auch wenig Auswahl. An vielen Orten
wurden die umgestürzten Palmen – der Nationalbaum – und andere Bäume
verwendet um daraus Bretter und Balken zu gewinnen. Tausende von
Häusern konnten so mit lokalen Ressourcen wiederaufgebaut werden,
teilweise mit einer gemauerten Küche, die im Falle neuer Stürme als
Schutzraum dient. Und um der Landschaft den Nationalbaum zu erhalten
wurden Baumschulen angelegt, die ein Mehrfaches der umgestürzten Palmen
enthalten.
Und nicht nur in den Baumschulen grünt es. Rund 10% der cubanischen
Landwirtschaftsfläche, die brach lag, wurde in den vergangenen 10
Monaten an 80’000 Familien verteilt. So einer, der Felicito genannt
wird und auf seinen 13 Hektaren Fruchtbäume anpflanzen will. Für seine
Baumschule hat er die Abfallhalde nach Plastikmilchtüten durchsucht und
die 4’000 gefundenen sauber gewaschen damit sie die in der Umgebung
zusammengetragenen Samen aufnehmen können.
Die städtische Landwirtschaft war Teil der Antwort Cubas in der
schwersten Krisenzeit Anfangs der Neunzigerjahre, als der Zusammenbruch
des Ostblocks die Wirtschaftsleistung um einen Drittel sinken liess.
Tausende von Parzellen in den Städten werden von rund 300’000
Arbeitskräften bewirtschaftet und erzeugen zehntausende Tonnen Gemüse,
Früchte und anderes mehr. Mit biologischen Methoden wird der Boden
intensiv, aber nachhaltig genutzt. Ike liess von Treibhäusern und
bepflanzten Beeten nur grad die nackte Erde zurück. Aber schon wenige
Tage nach dem “Unfall” begannen die neuen, von Hand begossenen
Aussaaten zu spriessen, kam das ersehnte Grün zurück und nach nur einem
Monat konnten die ersten Produkte geerntet werden. So unglaublich es
klingt, auf der Isla de Juventud wurden in den ersten sechs Monaten
dieses Kalenderjahrs und wenige Monate nach dem Hurrican 23% mehr
Gemüse und Früchte geerntet als im selben Zeitraum des Vorjahres.
Genug, damit alle BewohnerInnen jeden Tag 400 Gramm dieser Produkte zu
sich nehmen können und es bleibt sogar etwas um die TouristInnen auf
der Insel Cayo Largo mit lokalen Produkten zu versorgen.
Ganz sicher kein leichtes Jahr also für Cuba und seine Menschen, aber
auch ein Jahr geprägt von Solidarität, von harter Arbeit und von viel
neuem Grün, das eine gewisse Hoffnung gibt für die Zukunft in
aufgewühlten Wirtschaftsgewässern und – auf Grund des im Norden
verursachten Klimawandels – immer häufigeren Wirbelstürmen.
Im medico-Bulletin 3/09 von Ende September wird Cuba ebenfalls Thema
sein, mit einem Interview mit Beat Schmid zu den Fragen, wo Cuba heute
steht und wie die internationale Zusammenarbeit funktioniert sowie mit
Hinweisen auf die Arbeit unserer Partnerorganisationen. Bulletin hier bestellen.