29.07.09. Dr. Andreas Wulf, medico.de.
Vielleicht
seit dem Beginn der AIDS Epidemie in den 80er Jahren ist nicht mehr so
intensiv über das rechte Maß und die richtigen Maßnahmen zur
Bewältigung einer Gesundheitsgefahr gestritten worden. Spielen die
Behörden in den betroffenen Ländern die reale Gefährdungslage herunter,
um ihre Tourismusindustrie nicht zu gefährden, und von der realen
Vernachlässigung der öffentlichen Gesundheitsdienste im Bundesstaat
Chiapas abzulenken, wie uns unsere Partner aus Mexiko berichten?
Oder inszeniert die WHO und die Weltgemeinschaft eine
überdramatisierte Katastrophe, um ihre eigene Wichtigkeit zu bestärken
und gemeinsame Handlungsfähigkeit zu demonstrieren, während zugleich
die Kluft zwischen der gesundheitlichen Realität in der Welt angesichts
der Krisenökonomie weiter zunimmt?
Ohne Zweifel bestärkt aktuell die „Chronik einer angekündigten
Seuche“ angesichts der offensichtlichen geringen Gefährlichkeit des
neuen Influenza-Virus bei vielen den Trend zum Misstrauen gegenüber den
großen Katastrophenszenarien, medienwirksam von der WHO Chefin
Margareth Chan mit dem Pandemie-Stufenplan im Frühjahr vorgeführt.
Und wenn auch manche Gesundheitsplaner die Influenza H1N1 als
gelungenen „Probelauf“ für die bereitliegenden Katastrophenpläne
einschätzen, und die Unberechenbarkeit von Virusmutationen kein
Argument gegen eine solche Vorbereitung sein kann, so bleibt es doch
besonders wichtig, ein gesundes Misstrauen zu behalten gegenüber den
Profiteuren solcher Szenarien, und immer wieder die Frage zu stellen: Qui bono? Wem nützt es?
Zeigt sich doch bei allen Debatten um die globale Bewältigung der
Gesundheitsbedrohungen, dass das Hemd immer noch näher als der Rock ist
– und globale Solidarität ein schönes Wort bleibt, solange es nicht die
etablierte Ordnung gefährdet.
Nirgendwo wird dies sichtbarer als an den „harten Fakten“ der
Produktion und Verteilung von Medikamenten und Impfstoffen. Müsste sich
nicht hier die „globale Verantwortung“ für die vermeintlich globale
Herausforderung in einer eben solchen kollektiven Bereitstellung der
Instrumente zu ihrer Bewältigung beweisen?
Während die Entwicklung eines Impfstoffes gegen den neuen Virus
fieberhaft vorangeht, hinken die politischen Voraussetzungen dafür nach
wie vor hinterher. Die in Entwicklungs- und Schwellenländern verfügbare
Impfstoffproduktion ist zumeist begrenzt auf die bekannten Standard-Impfungen und ist von ihrem Produktionsumfang her nur langsam auszuweiten. Die
moderneren Verfahren hingegen, die in den letzten Jahren in den Industrieländern
entwickelt wurden, setzen statt Eiern rascher vermehrbare Zelllinien
ein, diese Technologie ist aber vielfach durch Patente abgesichert und
nicht einfach kopierbar. Zusammen mit einem zu erwartenden
„profitablen“ Preis für die neuen Impfungen werden die Menschen in den
wirtschaftlich abgehängten Regionen der Welt daher kaum die Chance auf
einen gerechten Anteil an dieser Produktion haben – außer durch
caritative Gesten, wie die gerade mal 150 Mio. Impfdosen, die die
Produzenten der WHO versprochen haben, bei geschätzten 900 Mio. Dosen
Jahresproduktion wären das gerade mal 16% der Produktion für mindestens zwei Drittel
der Weltbevölkerung.
Dabei wäre dies möglicherweise die Gelegenheit, einmal Ernst zu
machen mit der beschworenen „globalen Solidarität“. Interessanterweise
haben gerade erst die Staaten des ConoSur, Argentinien, Brasilien,
Chile, Paraguay und Uruguay, den Vorstoß gemacht, die neue Vaccine
gegen die pandemische Influenza zu einem „Global Public Good“ zu machen
und konsequent auf Patentierungen zu verzichten – das wäre in der Tat
eine revolutionäre Neuheit, und könnte im Zusammenspiel mit einem
umfangreichen Technologie Transfer in die Länder des Südens die
Verfügbarkeit der potentiell lebensrettenden Impfungen systematisch
ausbauen.
Wenn es zu einer solchen Initialzündung käme – dann wäre ein
wichtiger Baustein in der Strategie für eine „Gesundheit für Alle“, wie
sie die WHO erst in ihrem letzten Jahresbericht 2008 wieder betont hat,
gelegt. Und an solchen Zielen muss sie sich wie auch die anderen
Akteure der Globalen Gesundheitspolitik weiterhin messen lassen.
Aus dem Hausblog von medico international deutschland.
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