Lagebericht zur Situation in Gaza
Aus einem Bericht von medico international Deutschland, Ärzte für
Menschenrechte – Israel, Palestinian Medical Relief Society (Ramallah),
Al-Mezan Center (Gaza)
Zusammenfassung
Der gegenwärtige Angriff auf den Gazastreifen trifft ein
Gesundheitssystem, das durch die anderthalb-jährige Blockade und
vorhergehender Komplettsperrungen ohnehin kurz von dem Zusammenbruch
steht. Jetzt müssen Menschen versorgt werden, die hoch komplexe
Behandlungen durch Spezialisten benötigen. Dies ist in der derzeitigen
Lage nicht möglich.
Der Angriff auf Zivilisten und medizinische Einrichtungen stellt eine
Verletzung des internationalen Menschenrechts dar. Das israelische
Militär zielte auch auf eindeutig zivile Einrichtungen.
Als Besatzungsmacht, die den Gazastreifen gegenwärtig kontrolliert,
trägt Israel die Verantwortung für die durch seine Bombardements
Verwundeten und muss ihnen den Zugang zu gesundheitlicher Versorgung in
Krankenhäuser ermöglichen. Die Besatzungsmacht muss die Neutralität
medizinischer Einrichtungen schützen und die Einfuhr sämtlicher
benötigter medizinischer Güter aller Art genehmigen.
29.12.08 Aufgrund örtlicher Schätzungen werden Dutzende Menschen
vermisst, von denen angenommen wird, dass sie unter zerstörten Gebäuden
verschüttet sind. Das Gesundheitsministerium in Gaza geht davon aus,
dass die Zahl der Toten noch höher ist als bisher angenommen. Das
Gesundheitssystem in Gaza kollabiert und kann auf die wachsenden
Bedürfnisse nicht adäquat reagieren. Die Schließung sämtlicher Zugänge
nach und aus Gaza durch Israel, darunter die gänzliche Schließung von
Erez-Übergang, verhindert die Evakuierung von Patienten und Verwundeten
und verschärft die humanitäre Tragödie, die das Leben im Gazastreifen
bestimmt.
Regierungskrankenhäuser überfüllt
Die Krankenhäuser in Gaza können die Masse von verletzten Menschen, die
eintreffen, nicht bewältigen. In den beiden Hauptkrankenhäusern besteht
ein Mangel an Betten, obwohl Krankenzimmer geräumt wurden, um Verletzte
aufzunehmen. Das führt dazu, dass Verwundete auf den Fluren der
Krankenhäuser liegen. Die nicht enden wollende Flut von neuen
Verwundeten und der Bedarf an Krankenbetten führt dazu, dass andere
Patienten, darunter Krebs- und Herzpatienten sowie chronisch Kranke
nach Hause geschickt werden müssen, solange die Krise andauert.
Shifaa’
Krankenhaus
Die Zahl der Verletzten, die im Shifaa’ Krankenhaus eintreffen, steigt
stündlich. Die Mehrzahl der Verwundungen wurde durch direkte Angriffe,
sowie durch Granatsplitter und Schockwellen verursacht in Folge der
Bombardierung durch die israelische Luftwaffe und der dadurch
verursachten Zerstörung von Gebäuden. Das Krankenhaus befindet sich
seit Beginn der Angriffe im Ausnahmezustand, in den 12 Operationssälen
wird von sämtlichen medizinischen Teams 24 Stunden am Tag
durchgearbeitet. Die Überlastung durch Eintreffen der Verwundeten und
der Mangel an OP-Sälen führte dazu, dass 4 Räume der Entbindungsstation
zu Operationssälen umfunktioniert wurden und dass das Krankenhaus keine
Schwangeren mehr zur Entbindung zulassen kann. Die Ambulanzen der
Klinik sowie 4 Intensivstationen in der Brandopferabteilung werden nun
zur Unterbringung der durch die israelischen Angriffe Verwundeten
verwendet.
Das Europäische Krankenhaus in Khan Younis
Laut dem Chefonkologen Dr. Zaki Zakzouk werden hier Schwerverletzte
behandelt. Die meisten von ihnen leiden unter Kopf- und
Halswirbelverletzungen und benötigen dringend umfassende
neurochirurgische Behandlungen. All dies bedarf einer
Lungen-Intensiv-Station, aber aufgrund der extremen Reduktion von
Krankenbetten in der Abteilung kann nur die eine Hälfte der Patienten
an Beatmungsmaschinen angeschlossen werden, die andere muss manuell
beatmet werden. Zudem herrscht ein Mangel an 0 minus Blutkonserven,
sowie an Kühlräumen und Ambulanzen die Blutkonserven vom Shifaa´
Krankenhaus bringen könnten.
Verstaatlichung der privaten Kliniken
Um die Folgen des Ausnahmezustands zu bewältigen, haben private
Kliniken wie „Almamdawi“, das Rote Kreuz und andere ihre sonstigen
Behandlungen eingestellt und widmen sich zur Gänze der Versorgung
Verwundeter, die ihnen von den öffentlichen Kliniken geschickt werden.
Zerstörung der Lager für medizinische Hilfsmittel
Am Sonntag wurde das größte Lager für Medikamente und medizinische
Hilfsmittel des Gesundheitsministeriums in Gaza bombardiert. Es ist der
Hauptversorger der Shifaa’ Klinik. Das Lagerhaus, direkt neben dem
Falastin Fußballstadion gelegen, wurde gänzlich zerstört und ein
Großteil der medizinischen Hilfsmittel vernichtet.
Krankentransporte
aus dem Gazastreifen unterbunden
Der Erez-Übergang ist hermetisch abgeriegelt, und die Soldaten wurden
von dort evakuiert. Die Ärzte für Menschenrechte – Israel wurden
informiert, dass die Verantwortlichen am Übergang von nun an keine
Papiere mehr für Krankentransporte aus Gaza heraus ausstellen, das
betrifft auch schwer Verwundete und lebensgefährlich Verletzte. Diese
Informationen wurden vom palästinensischen Subkomitee für
Krankentransporte bestätigt, die uns berichteten, dass ihre Versuche,
Krankentransporte zu koordinieren oder mit Grenzposten von
Erez-Übergang zu kommunizieren gänzlich gescheitert sind. Hunderte
Schwerverletzte müssten dringend in besser ausgestattete Krankenhäuser
überwiesen werden. Alle Versuche, die Schwerstverletzten aus Gaza
herauszutransportieren, scheiterten. Jordanien erklärte seine
Bereitschaft, die Verletzten aufzunehmen, aber um nach Jordanien zu
gelangen müssten die Patienten eine Ausreisegenehmigung der
israelischen Behörden für den Erez-Übergang erhalten.
Rafah-Übergang
Trotz der Erklärung der ägyptischen Regierung, den Übergang für
Verwundete zu öffnen, konnte dieser Übergang erst verspätet genutzt
werden. Die Gründe hierfür sind:
• Fehlende politische Kommunikation zwischen der Hamas-Regierung in
Gaza und der ägyptischen Regierung aufgrund der israelischen Angriffe.
Ägypten behauptet, dass Hamas den Krankentransport nach Ägypten
verhindert
• Aufgrund der Schwere der Fälle können viele Verletzte
nicht nach Ägypten transportiert werden. Die Mehrheit der Verwundeten
haben Kopf- und innere Verletzungen, die meisten von ihnen sind
bewusstlos und benötigen künstliche Beatmung, sowie die Begleitung
durch ein Ärzteteam in Ambulanzen, die sie in die sechs Stunden
entfernten Kairoer Klinken bringen könnten. Ärzte in Gaza befürchten,
dass die Verwundeten eine solche Reise nicht überleben würden.
• Mangel
an Krankenwagen. Nur die Hälfte der 58 Krankenwagen in Gaza ist
funktionsfähig. Diese arbeiten rund um die Uhr und sind
unabkömmlich.
Das israelische Militär bedroht Zivilisten
Viele Patienten haben die Ärzten für Menschenrechte – Israel darüber
informiert, dass sie aufgezeichnete Drohungen per Telefon erhalten
hatten. In einer ersten Drohung wurden sie aufgefordert, ihre Häuser zu
verlassen, da sie geplantermaßen bombardiert würden. In einer zweiten
Drohung wurden sie gewarnt, Militante zu unterstützen oder Waffen zu
verstecken, da sie ansonsten bombardiert würden.
Aufrufe für humanitäre
Hilfe
Israel öffnet vereinzelt und willkürlich Übergänge, um Hilfsgüter
durchzulassen. Laut dem palästinensischen Gesundheitsministerium in
Gaza sind diese Hilfsgüter bei weitem nicht ausreichend. Aufgrund des
extremen Mangels an medizinischen Hilfsmitteln und Medikamenten (105
Medikamente, 225 medizinische Hilfsmittel und 93 Labormaterialien
fehlen im Gazastreifen) erhielt medico und seine israelischen und
palästinensischen Partner Palestinian Medical Relief Society und Ärzte
für Menschenrechte – Israel ein dringender Aufruf. Der Gesamtwert liegt
bei über einer Million Euro.
Spendenkonto: 80-7869-1 Vermerk «Gaza»
|