Pharmakonzerne und Biopiraterie

Inhalt des folgenden fact sheet der Kampagne
pharmawatch:
aktueller Bezug: UNO-Konferenz über Biodiversität in Bonn
Definition von Biopiraterie
Beispiel: Chiapas, Mexiko
weiterführende Literatur
PDF-Version pharmawatch Biopiraterie
Lauftext:
aktueller Bezug – Die UNO-Konferenz über Biodiversität in Bonn im Mai 2008
An
der Biodiversitäts-Konferenz der UNO in Bonn bemühten sich im Mai
dieses Jahres RegierungsvertreterInnen aus aller Welt um Regeln für die
Erhaltung der Artenvielfalt und die Nutzung der genetischen Ressourcen
pflanzlicher Heil- und Nahrungsmittel. Die Artenvielfalt wird von der
Neuen Zürcher Zeitung als „Nord-Süd-Problem“ bezeichnet (NZZ, 22.5.08),
was zwar auf die herrschenden Machtverhältnisse hinweist, den
institutionalisierten Hintergrund der Ausbeutung natürlicher Ressourcen
südlicher Länder durch globale Pharmakonzerne aber nicht beim Namen
nennt.
Nach über 16 Jahren Verhandlungen ohne nennenswerte Resultate (es
wurden bislang keine verbindliche Regeln aufgestellt) schwindet die
Geduld der Länder des Südens. Die Spannung zwischen Industriestaaten,
welche mit allen Mitteln die Interessen „ihrer“ Konzerne schützen
wollen, und den südlichen Staaten nimmt zu. An der Bonner Konferenz –
an der auch Bundesrat Leuenberger teilnahm – forderten die Abgeordneten
der südlichen Staaten einen besseren Ausgleich für Medikamente,
Kosmetika oder Nahrungsmittel, die in Industrieländern aus den
genetischen Ressourcen „exotischer“ Pflanzen entwickelt werden, oder
für Wissen, das geklaut und vermarktet wird.
Ein solcher Ausgleich (ABS, Access and Benefit Sharing) existiert auf
dem Papier seit 1992 – doch die Realität ist eine andere. Im Jahr 1992
wurde in Rio de Janeiro die UN-Konvention über die biologische Vielfalt
(CBD, Convention on Biological Diversity) verfasst. Sie verlangt einen
gerechteren Ausgleich der Vorteile, die aus der kommerziellen Nutzung
genetischer Ressourcen entstehen, also etwa eine finanzielle
Gewinnbeteiligung oder Technologietransfer. Die Konvention wurde bis
anhin von 183 Staaten ratifiziert, nicht aber von den USA, Kanada,
Australien und Neuseeland, welche sich allenfalls eine „freiwillige
Lösung“ vorstellen könnten.
Gleichzeitig ist die durch Basisorganisationen angebrachte grundlegende
Kritik an einer Ausgleichszahlung gross, da damit die Patentierung und
somit schliesslich auch der Profit der Pharmakonzerne legitimiert wird,
der „Ausgleich“ aber für die lokale Bevölkerung auch im besten Fall
nicht mehr bedeutet als ein paar Krümel vom Kuchen abzubekommen. Aus
der Sicht der südlichen Länder mit einer hohen genetischen Vielfalt hat
die Biopiraterie, wie die Ausbeutung der biologischen Ressourcen durch
die Pharma-, Kosmetik- und Ernährungsindustrie genannt wird, sogar noch
zugenommen. In Bonn standen also nicht – wie vorgeschoben wird –
globale Umweltschutzbestrebungen im Zentrum, sondern politische
Machtfragen um die kommerzielle Nutzung biologischer Ressourcen und der
Diebstahl von indigenem lokalen Wissen.
Die grossen Naturschutzorganisationen freuen sich über das
vermeintliche Interesse der KonferenzteilnehmerInnen an ihrem
Hauptanliegen und fordern mehr Naturschutzgebiete, häufig ohne zu
erwähnen, dass diese Gebiete bewohnt sind. Den Forschungsinstitutionen
und Pharmakonzernen kommt die Gründung von Naturschutzgebieten gerade
recht, dienen sie ihnen doch als grosse Freiluftlabore zur Erforschung
von biologischer Vielfalt. Der schweizerische Pharmakonzern Novartis
hat sich laut einem Bericht in der Zeitschrift Lateinamerika
Nachrichten beispielsweise im Süden Mexikos grosszügig bereit erklärt,
nach der erzwungenen Entsiedelung von Gebieten den Naturschutz zu
gewährleisten. Eine Handvoll Gemeinden werden dabei nicht geräumt, denn
sie sollen Teil eines ökotouristischen Projektes werden.
Für die betroffene Bevölkerung bedeutet die Errichtung von
Naturschutzgebieten letztlich die Zerstörung ihrer auf Landwirtschaft
ausgerichteten Existenzgrundlage und eine versuchte staatliche
Kontrolle ihrer wirtschaftlichen, sozialen und politischen
Selbstbestimmung. Oft dürfen die Menschen ihre ursprünglichen
Territorien nicht mehr betreten, nicht mehr darin wohnen, anpflanzen,
jagen oder Pflanzen sammeln. Nicht selten werden sie im Namen des
Naturschutzes zwangsumgesiedelt, vertrieben oder es wird gleichzeitig
versucht, mit der Deklarierung ganzer Landstriche als Naturpark – wie
zur Zeit in Chiapas – die bestehenden politischen autonomen Strukturen
zu zerstören.
Definition von Biopiraterie – Ausverkauf der Ressourcen des Südens ermöglichen astronomische Gewinne der Pharmakonzerne
Ein
weltweiter Wettlauf der global agierenden Konzerne um die genetischen
Ressourcen ist im Gange. Wurde im 18. und 19. Jahrhundert in Europa das
Land eingehegt und privatisiert, so steht derzeit die
neokolonialistische Privatisierung der Pflanzenvielfalt – jedenfalls
soweit sie kommerziell verwertbar ist – auf der Tagesordnung. Dabei
haben über 90 Prozent der PatentinhaberInnen, insbesondere
transnationale Konzerne, ihren Hauptsitz in den Industriestaaten. Die
grösste biologische Vielfalt befindet sich allerdings in den
nichtindustrialisierten Ländern.
Im Jahr 2007 verabschiedete die UN-Generalversammlung eine Erklärung
über die Rechte Indigener. Darin anerkennen die UNO-Mitgliedstaaten die
souveränen Rechte der indigenen Bevölkerung über ihr traditionelles
Wissen und ihre genetischen Ressourcen. Von Anfang an wurde jedoch der
Schutzgedanke mit der Nutzung verbunden: Obwohl die UN-Konvention von
1992 ursprünglich ökologische und soziale Aspekte in bezug auf den
Schutz von Biodiversität aufgegriffen hatte, stehen zunehmend und fast
ausschliesslich der Zugang und die Handhabung von genetischen
Ressourcen im Vordergrund. Nur wenn Vielfalt ökonomisch verwertbar
werde, seien Menschen auch bereit, sie zu bewahren. Diese Überlegung
soll die neoliberale Ökonomisierung aller Lebensgrundlagen und Bereiche
rechtfertigen. Ignoriert wird, dass lokale und indigene Gemeinschaften
schon zuvor die zu schützende Vielfalt genutzt haben, wenn auch nicht
im kapitalistischen Sinne.
Heutzutage basiert die Gesundheitsversorgung von etwa 80 Prozent der
Weltbevölkerung auf traditioneller Medizin und die fortschreitende
Verarmung vieler Länder des Südens erzwingt eine weitere Abkehr von den
unbezahlbaren medizinischen Präparaten des industrialisierten Nordens.
Pflanzenmedizin als ein Bestandteil der traditionellen Medizin eher
verfügbar und erschwinglich. Das Wissen über ihre Anwendung wird
innerhalb der jeweiligen Bevölkerungsgruppe kulturell tradiert und
weiterentwickelt.
Die UNO-Prinzipien und -Empfehlungen sind schön und gut, doch praktisch
ist Biopiraterie, also die unrechtmässige Aneignung und Vermarktung des
Wissens und genetischer Ressourcen, die Regel. Zu den grossen
Gewinnerinnen gehören die global agierenden Pharmakonzerne, unter ihnen
auch viele aus der Schweiz. Der Marktwert der Medikamente, die auf
genetischen Ressourcen basieren, soll laut der Wochen Zeitung (WOZ,
22.5.08) 75 bis 150 Milliarden US-$ pro Jahr betragen.
Der pharmazeutischen Industrie, deren bisherige Wirkstoffe zu 40-60%
pflanzlichen Ursprungs sind, gehen die Ideen aus. Es wird zunehmend
schwieriger, neue wirksame Moleküle von bekannten pflanzlichen
Ausgangsverbindungen abzuleiten. Neue „Leitstrukturen“ werden also
dringend benötigt, um weiter Gewinne machen zu können. Was liegt da
näher als sich systematisch am traditionellen Wissen indigener
Bevölkerung zu bedienen? Wissen, DNA-Strukturen und biologische
Prozesse werden zur privaten strategischen Zukunftsressource, die den
PatentinhaberInnen zukünftig Gewinne sichern und heute schon den
Unternehmenswert steigern soll.
Die Unternehmen und Regierungen der Industriestaaten sperren sich seit
Jahren dagegen, den Kampf gegen Biopiraterie aufzunehmen. Während die
Produktion von kostengünstigen Generika patentgeschützter Medikamente
in südlichen Ländern als Produktepiraterie und wirtschaftsschädigende
Praxis gebrandmarkt wird, verschliessen sie bei Biopiraterie die Augen
und unterstützen diese sogar, indem sie sich bindenden Regelungen
entziehen. Oder wie beispielsweise im Fall der Zwangslizenzen
Novartis/Schweiz-Indien oder
Schweiz-Thailand , wo der schweizerische
Pharmakonzern unterstützt durch die Regierung die Herstellung von
Generika gänzlich zu verhindern versucht.
Viele reiche Industriestaaten, darunter auch die Schweiz, verweigern
eine Änderung des Patentrechts und geben so den BiopiratInnen ein
Werkzeug in die Hand, sich das Wissen und die Ressourcen aus südlichen
Ländern anzueignen und enorme Profite einzustreichen. Die durch das
TRIPS-Abkommen der WTO zu geistigen Eigentumsrechten geschaffene
„Planungssicherheit“ für Konzerne der Pharmaindustrie und des
Agrobusiness eröffnete neue Handlungsspielräume zur Akkumulation
pflanzengenetischer Ressourcen. Die Industrie legt dabei grossen Wert
auf Rechtssicherheit. Dies ist vor allem bei Pharmakonzernen der Fall,
die wie Novartis gerne auch auf Naturheilmittel zurückgreifen.
Die Zeit drängt, denn Medikamente bringen nur mit Patent, womit sie für
20 Jahre zum alleinigen „Eigentum“ des Pharmakonzerns werden,
Milliarden schwere Gewinne. Mit Hilfe von Patenten sichern sich also
Unternehmen Monopole, die dann selbst in den Herkunftsländern der
genetischen Ressourcen gelten.
Patentgesetze schreiben vor, dass nur geschützt werden kann, was neu
ist, einen erfinderischen Schritt enthält, gewerblich anwendbar und
ausreichend beschrieben ist. Als neu gilt in manchen Patentgesetzen
alles, was noch nicht schriftlich festgehalten ist. Anerkannt wird
damit nur das Wissen, das im westlichen wissenschaftlichen System
verschriftlicht wurde. Auch schweizerische ForscherInnen sind an diesem
Geschäft mit der Biodiversität beteiligt, wie beispielsweise Kurt
Hostettmann, Professor für pharmazeutische Biologie und Pflanzenchemie
an der Universität Lausanne. Mündliches traditionelles Wissen und
Kulturüberlieferungen sind damit – solange sie nicht aufgeschrieben
werden – zur Ausbeutung freigegeben.
Beispiel Biopiraterie in Chiapas und der erfolgreiche dauerhafte Widerstand dagegen
Chiapas,
der südöstlichste Bundesstaat von Mexiko, ist eine Region mit extrem
reicher Biodiversität. Die ökonomische Verwertung des mexikanischen
Südens ist ein erklärtes Ziel des Plan Puebla-Panamá (PPP), in dem eine
verschärfte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen wie Wasserkraft,
Erdöl und Biodiversität für die Region von der VW-Stadt Puebla bis zum
Panamakanal angestrebt wird. Der PPP ist eine konsequente
Fortschreibung des Beitritts Mexikos zum Nordamerikanischen
Freihandelsabkommen von 1994, und der damit verbundenen neoliberalen
Öffnung des mexikanischen Binnenmarktes für internationale
InvestorInnen. Schon 1996 wurde für die Koordinierung der verschiedenen
Projekte in diesem Bereich ein Plan entworfen, der sich Coridor
Biológico Mesoamerica nennt und heute zum Kern des PPP gehört. Aus
Veröffentlichungen der Weltbank, die einen Grossteil der Finanzierung
der Projekte sicherstellt, geht hervor, dass die Kommerzialisierung der
biologischen und genetischen Vielfalt ein wichtiges zu erreichendes
Ziel ist.
ICBG-Maya steht für “Drug Discovery and Biodiversity among the Maya of
Mexico”. An diesem Kooperationsprojekt sind neben der University of
Georgia auch die mexikanische Forschungsanstalt Ecosur und eine
Biotechnologiefirma aus Wales namens Molecular Nature Limited
beteiligt. 2,5 Millionen US-$ hat die US-Regierung für ICBG-Maya
bereitgestellt, um die Kenntnisse über medizinische Heilpflanzen und
den dazugehörigen Heilverfahren in der traditionellen Mayamedizin zu
verfeinern. Ziel ist die ökonomische Verwertung der Pflanzen oder
einzelner Wirkstoffe.
Die Arbeitsteilung unter diesen Instituten ist vergleichbar mit anderen
Projekten und funktioniert folgendermassen: Eine ortsansässige
Forschungsagentur baut Kontakt zu den indigenen Gemeinden auf, sammelt
deren Heilpflanzen und dokumentiert ihr traditionelles Wissen über den
Gebrauch der Pflanzen (sog. Bioprospektion); eine (meist
US-amerikanische) Universität erforscht die Wirkungsweisen und/oder
entwickelt gentechnisch veränderte Wirkstoffe und patentiert sie.
Anschliessend entwickelt ein Konzern wie beispielsweise Novartis ein
Medikament, das ebenfalls patentrechtlich geschützt weltweit vertrieben
wird.
So wäre alles in einem „geschlossenen Kreislauf“ geblieben, wäre da
nicht ein lokaler Gegenspieler zu dem Biopiraterie-Projekt ICBG-Maya
auf den Plan getreten – die Dachorganisation der indigenen HeilerInnen
und Hebammen in Chiapas, COMPITCH (Consejo Estatal de Organizaciones de
Médicos y Parteras Indígenas Tradicionales de Chiapas), der zur
intensivsten Zeit der Auseinandersetzungen im Jahre 2001 mit ICBG-Maya
12 Organisationen (inzwischen sind es 18) angehörten. COMPITCH
existiert bereits seit 1994 – 4 Jahre vor der Lancierung des ICBG-Maya
Projekts – und ist die repräsentative Vertretung jener rund 100’000
Indigenen, die sich von Berufs wegen mit Heilpflanzen und
traditionellem medizinischen Wissen befassen. Die Arbeit von COMPITCH
hat zum Ziel, die traditionelle Medizin wiederzubeleben und für deren
Verbreitung in den indigenen Gemeinden von Chiapas zu sorgen, einer
Region hochgradiger Marginalisierung, wo eine staatliche medizinische
Versorgung faktisch inexistent ist.
Es ist als grosser Erfolg zu werten, dass es gelang, ICBG-Maya durch
Basiswiderstand zu Fall zu bringen, indem das Projekt so stark
boykottiert wurde, dass es im Herbst 2001 von den InitiatorInnen – mit
öffentlichem Bedauern – abgebrochen werden musste. Die Indigenen
behaupten so ihre Unabhängigkeit und Kontrolle über ihre Heilmittel und
widersetzen sich zudem den Monopolisierungsbestrebungen der
profitorientierten Konzerne. Im Gegensatz zu vielen anderen bekannt
gewordenen Biopiraterie-Fällen, die z.T. erst Jahre nach der
Patentbeantragung bekannt wurden, erfolgte hier der Widerstand
präventiv bzw. in der Prospektionsphase.
Sämtliche anderen ICBG Projekte laufen weiter, darunter auch ein
zweites in Mexiko (in Chihuahua und San Luis Potosí; Partner sind in
diesem Fall die Universität von Arizona und die UNAM). Antonio Perez
Mendez, Präsident der COMPITCH-Mitgliedsorganisation
OMIECH
(Organización de Médicos Indígenas del Estado de Chiapas), wies darauf
hin, dass die indigen HeilerInnen sich sehr wohl bewusst sind, dass es
weiterhin Biopiraterie-Versuche geben wird. Aber sie seien
sensibilisiert und würden jetzt sehr genau darauf achten, wer da in
ihre Gemeinden kommt.
In wie weit sich aus den 5961 in Chiapas gesammelten Proben Patente
ergeben werden, bleibt abzuwarten. COMPITCH bildet zur Zeit
GesundheitspromotorInnen aus, die den Widerstand in den Gemeinden,
sowohl gegenüber Biopiraterie als auch gegenüber anderen
Erscheinungsbildern des notorischen Plan Puebla Panama weiter ausbauen
sollen.
medico international arbeitet seit 2006 mit einem Teil dieser
GesundheitspromotorInnen in der zapatistischen Region Zona Norte
zusammen.
weiterführende Literatur
Ulrich Brand (2000):
Planungssicherheit und Patente. Zur politischen Ökonomie der
biologischen Vielfalt. In: ila 234 (April 2000), S. 4
[http://www.ila-bonn.de/artikel/234planungssicher.htm 03.06.2008]
Michael Frein und Hartmut Meyer (2008): Die Biopiraten.
Milliardengeschäfte der Pharmaindustrie mit dem Bauplan der Natur.
Berlin: Econ
Klaus Pedersen (2008): Naturschutz und Profit. Menschen zwischen Vertreibung und Naturzerstörung. Münster: Unrast-Verlag
Vandana Shiva (2002): Biopiraterie. Kolonialismus des 21. Jahrhunderts. Eine Einführung. Münster: Unrast-Verlag
Moni Streule_medico international schweiz
www.medicointernational.ch/kampagne
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23.6.2008