medico international schweiz

Pharmaindustrie und Dritte Welt

Im Widerspruch Heft 58 schreibt Franco Cavalli den Artikel:
«Parmaindustrie und globale Krebsbekämpfung. Profitstrategie mit schwerwiegenden Folgen in der Dritten Welt.»

Franco Cavalli nimmt in seinem Diskussionsbeitrag Bezug auf den im Heft 56 erschienenen Artikel «Globale Gesundheitspolitik - internationale Solidarität» von Monika Streule Maimaitekerimu, medico international schweiz. In unserem Bulletin 4/2010 nehmen wir das Thema auf. Der Artikel fasst wesentliche Argumentationen von Franco Cavallis Beitrag im Widerspruch 58 zusammen und legt dar, mit welch verheerender Macht die Pharmaindustrie auf das Gesundheitswesen der armen Länder einzuwirken vermag.

 

Pharmaindustrie: Profitstrategien mit schwerwiegenden Folgen

von Lis Füglister mit Auszüge aus dem Widerspruch Nr. 58 von Franco Cavalli

Der globalen Gesundheitspolitik wird auf internationaler Ebene zusehends mehr Bedeutung beigemessen. An den Treffen der Grossen (G8/G20) stehen Themen zu globalen Gesundheitsfragen regelmässig auf der Traktandenliste. Die sogenannt «Neuen Global Players», wie zum Beispiel die Gates-Stiftung, spielen dabei eine ganz besondere Rolle.  Vor zwei Jahren (Bulletin 4/08) haben wir über die Mechanismen der Public Private Partnership[1] und deren oftmals verheerenden Folgen auf die staatlichen Gesundheitssysteme der ärmeren Länder berichtet. Franco Cavalli nimmt in seinem Artikel im aktuellen Heft Nr. 58 des Widerspruchs Bezug auf diese Diskussion und zeigt anhand des globalen Kampfes gegen Krebs auf, welche tödlichen Folgen das «scheinbar fast unersättliche Profitgebaren der Pharmaindustrie» vor allem für PatientInnen aus armen Ländern hat. Im nachfolgenden Artikel geben wir einige Auszüge aus dem Artikel von Cavalli wieder und zeigen anhand einiger Partnerprojekte von medico auf, wie sich die Organisation in dieser politischen Diskussion positioniert.


Krebs gibt’s auch in Entwicklungsländern

Aufgrund dürftiger Datenlage in den ärmeren Ländern ist eine globale Situationsanalyse der Krebserkrankungsfälle schwierig. Fakt ist, dass die Häufigkeit der Tumorerkrankungen in den Ländern der Dritten Welt rapide zunimmt. «Wurden im Jahr 2000 11 Millionen neue Krebsfälle weltweit diagnostiziert, schätzt man, dass es 2030 26-27 Millionen sein werden. Die ‹Tumorepidemie› ist auf eine Zunahme der Lebenserwartung, auf die Änderung der demographischen Pyramide, aber auch auf eine stärkere Einwirkung von Risikofaktoren zurückzuführen.»

Es muss angenommen werden, dass gerade in den ärmeren Ländern eine überproportionale Zunahme an Krebserkrankungen zu erwarten ist. Dies deshalb, weil auf der einen Seite in diesen Ländern die Tumorerkrankungen, die typischerweise armutsbedingt sind (z.B. Gebärmutterhalskrebs) immer noch sehr häufig sind, andererseits nehmen auch immer mehr Tumorarten zu, die vor allem durch die westliche Lebensart mitverursacht werden (z.B. Brust-, Lungen- und Dickdarmkrebs).

Ein besonders dramatisches Bild zeigt sich, wenn nicht die Krebs-Erkrankungsfälle sondern die Krebs-Todesfälle verglichen werden: 1980 starben ungefähr gleich viele Menschen in den ‹Entwicklungsländern› wie in den ‹Industrieländern›. Heute sind hingegen bereits zwei Drittel der Krebs-Todesfälle in den armen Ländern zu verzeichnen. Bis ins Jahr 2030 könnten es fast vier Fünftel sein. «Diese markante Verschiebung entsteht vor allem durch die viel schlechteren Behandlungsergebnisse in den Entwicklungsländern. Die schlechten Ergebnisse erklären sich einerseits daraus, dass mangels Frühdiagnose die meisten Fälle sehr spät erkannt werden, andererseits sind die Therapiemöglichkeiten sehr beschränkt.»

In den ärmeren Regionen gibt es zum Teil gar keine Bestrahlungsapparate und kaum Möglichkeiten, an Antikrebsmittel zu gelangen. So orientiert sich der Verkauf der Medikamente geographisch an den zahlungsstarken Ländern: rund zwei Drittel werden in den USA abgesetzt, ca. 30 % in Europa und Japan. Die restlichen Länder teilen sich weniger als 5 % der Medikamente.

 

Schwächung des öffentlichen Gesundheitswesens

Die Privatisierung der vormals staatlichen Gesundheitssysteme wurde seit den 1990er Jahren weltweit zum Patentrezept der neoliberalen Wirtschaftsordnung. Diese globale Ökonomisierung des Gesundheitssektors führt zur Teilung des Gesundheitssystems in einen öffentlichen, meist in einem schlechten Zustand sich befindenden und in einen privaten, gutausgestatteten Gesundheitssektor, der entweder nur für eine kleine reiche Minderheit zur Verfügung steht oder dann durch sogenannte vertikale Programme des PPP finanziert wird. Bei diesen vertikalen Programmen geht es um die selektive, medizinische Grundversorgung einiger weniger Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose oder AIDS. Diese Programme haben eine eigene Finanzierung und funktionieren parallel zum normalen Gesundheitssystem, wobei sie von diesen Ressourcen, u.a. ausgebildetes Personal, abziehen. Dies schwächt den öffentlichen Gesundheitssektor zusehends.

 

Gebärmutterhalskrebs und die Politik der Pharmaindustrie

Gebärmutterhalskrebs ist eine Tumorerkrankung, bei der das Papilloma-Virus eine entscheidende Rolle spielt. Bei einer frühen Diagnose kann durch einen kleinen chirurgischen Eingriff in sehr vielen Fällen eine vollständige Heilung erzielt werden.

Aufgrund unseres gut funktionierenden Gesundheitssystems mit der Möglichkeit zur regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung ist das Gefahrenpotential dieser Tumorart in der Schweiz gering. Anders ist die Situation in vielen armen Ländern. Von den fast 500'000 jährlich registrierten Frauen, die an Gebärmutterhalskrebs erkranken, sterben in den sog. Entwicklungsländern rund 300'000, Tendenz steigend. Das mittlere Alter dieser Frauen liegt bei 35 Jahren.

Seit einigen Jahren gibt es einen Impfstoff gegen einige der für die Tumorentwicklung mitverantwortlichen Papilloma-Virenstämme. Je nach Land kostet eine Impfdosis 600-800 Franken. Auf massiven Druck der Pharmaindustrie wurde von den Schweizer Behörden entschieden, dass diese Impfung von der Grundversicherung der Krankenkasse zu bezahlen sei. Es wird zudem von der Pharmaindustrie eine äusserst intensive Propaganda-Kampagne für eine Impfung aller Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren durchgeführt. Ob diese Impfung bei uns überhaupt notwendig ist, wird in Fachkreisen zur Zeit heftig diskutiert.

«Ganz anders stellt sich dagegen die Frage in den Entwicklungsländern, in denen die Fallzahl viel höher liegt und von Frühdiagnose kaum die Rede sein kann.» Dort wäre eine breiter angelegte Impfkampagne durchaus sinnvoll und könnte höchstwahrscheinlich viele Todesfälle verhindern. Die Impfung ist aber nur für eine verschwindend kleine Minderheit privat finanzierbar und bei jährlichen Gesundheitsausgaben von 50-100 Franken pro EinwohnerIn wird der Impfstoff für den Staat unerschwinglich.

«Die Profitstrategie der Pharmaindustrie war dabei klar: Liebe den Impfstoff sehr teuer an etwa 5 Prozent der möglichen ‹Kundinnen› zu verkaufen als zwanzigmal weniger teuer an alle Mädchen weltweit verabreichen zu lassen, die davon hätten einen Nutzen haben können.»

 

Kompensation für TRIPS-Schäden?

Das Schlüsselelement dieser kurzfristigen Strategie der Gewinnmaximierung ist die Patentierung von neuen Medikamenten.

In Anbetracht dessen, dass sich die Schweiz und die USA bei der Doha-Runde 2001, als es um die Verteidigung der Patentrechte auf geistiges Eigentum ging, vehement für die Vorrechte der Pharmaindustrie eingesetzt hatten, wäre es angebracht, von diesen Staaten nun eine Kompensation für die Schäden, die durch die TRIPS-Regeln[2] entstanden sind, einzufordern.

«Eine richtige Alternative sind solche Versuche aber gewiss nicht. Diese ist vielmehr darin zu suchen, wichtige Ziele der Gesundheitspolitik wie Solidarität und gleichberechtigter, freier Zugang der ganzen Bevölkerung zu einer hochstehenden Gesundheitsversorgung wieder ins Zentrum der täglichen und politischen Arbeit zu rücken. Dabei spielen Organisationen wie medico international schweiz, Medicuba-Schweiz, AMCA und viele ähnliche eine entscheidende Vorreiterrolle. Alle diese Organisationen begnügen sich nicht damit, zur internationalen Solidarität aufzurufen, sondern haben lokale Lösungsansätze erarbeitet und realisiert.»

 

Lokale Akteure stärken

medico international schweiz setzt sich in acht Ländern für eine bessere Basisgesundheitsversorgung ein. Wir beteiligen uns am Kampf gegen Elend, Gewalt und Diskriminierung, indem wir Projekte und Initiativen von Basisbewegungen und lokalen Organisationen unterstützen.

Unsere Partnerorganisationen sind sich der Bedeutung eines gut funktionierenden staatlichen Gesundheitssystems bewusst. Sie analysieren die Situation vor Ort, protestieren gegen Privatisierungsvorhaben im Gesundheitswesen und setzen sich vehement dafür ein, dass der Staat seine Verantwortung gegenüber den ökonomisch schwächeren und gesellschaftlich marginalisierten Menschen übernimmt.

Gleichzeitig nehmen die Mitglieder unserer Partnerorganisationen ihr Schicksal selbstbestimmt in die Hände. Sie unterhalten z.B. dezentrale, gut zugängliche Gesundheitsposten, organisieren medizinische Aus- und Weiterbildungen für Gesundheitsverantwortliche und Hebammen, betreuen Folteropfer, arbeiten in der Prävention von Krankheiten und häuslicher Gewalt oder engagieren sich für die gesellschaftliche Integration von Behinderten.

Dank Ihrer Spende an medico können unsere PartnerInnen vor Ort selbstbestimmt für ihre Anliegen und für die Gesundheit der marginalisierten Bevölkerung einstehen.



[1] Als «Public Private Partnership» wird das Zusammengehen von öffentlichen Institutionen und der Privatwirtschaft bezeichnet. Das bedeutet, dass die Sicherstellung einer guten Gesundheitsversorgung nicht mehr allein als Aufgabe des Staates wahrgenommen, sondern verstärkt privaten Akteuren überlassen wird.

[2] «Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights» (Das Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum)