Globale Ökonomisierung von Gesundheit

Inhalt des folgenden fact sheet der Kampagne
pharmawatch:
Einleitung
Public Private Partnerships im Gesundheitswesen
Private Stiftungen im Gesundheitsbusiness
Menschenrecht Gesundheit
weiterführende Links
pdf-Version fact sheet Ökonomisierung von Gesundheit
Lauftext:
Einleitung
Im marktorientierten Kontext der Globalisierung wird
der öffentliche Sektor als unergiebig angesehen, da er keine
ökonomischen Anreize bietet, sich effizient zu verhalten. Solche
Anreize soll in marktökonomischer Logik vor allem der Wettbewerb
schaffen, welcher in allen Bereichen des öffentlichen Sektors spiele.
Privatisierung der staatlichen Gesundheitssysteme ist deshalb seit den
1990er-Jahren weltweit das Patentrezept der WirtschaftsstrategInnen, um
diesen Bereich gewinnbringend zu restrukturieren.
Die Ökonomisierung des Gesundheitsbereichs greift von der
institutionellen bis auf die individuelle Ebene und stellt Gesundheit
unter das Diktat der Verwertbarkeit und des Marktes. Der Mensch wird
darin zum homo oeconomicus. Für PatientInnen bedeutet dies unter
anderem, dass sie sich nicht mehr als dankbare HilfsempfängerInnen,
sondern als KundInnen zu verstehen haben, die kompetent
Gesundheitsdienstleistungen auf dem Markt einkaufen sollen.
Krankenversicherungen, ÄrztInnen, TherapeutInnen und Pflegende sollen
sich als AnbieterInnen solcher Leistungen definieren. Das auf Vertrauen
basierende Verhältnis zwischen PatientIn und Arzt oder Ärztin soll also
in der ökonomisierten Logik auf die KundInnen-VerkäuferInnen-Beziehung
ausgerichtet werden. Gleichzeitig wird jede und jeder aufgefordert, ein
effizientes ‚Selbstmanagement’ seiner und ihrer potentiellen
Krankheiten zu leisten, indem er/sie sich aktiv als Teil diverser
Risikogruppen definiert und entsprechend selbstoptimierend und
selbstregulierend verhält.
Eine andere direkte Folge der globalen Ökonomisierung des
Gesundheitssektors ist die Verstärkung der Tendenz, das
Gesundheitssystem zu teilen in ein schäbiges öffentliches, mit gering
entlöhntem und überarbeitetem Personal und einen Privatsektor, der
qualifizierte Leistungen nur gegen Bezahlung bereitstellt und keine
Verantwortung für die gesundheitliche Versorgung der ökonomisch
Schwachen übernimmt.
Am radikalsten wurden diese Rezepte des Washingtoner-Konsens den
hochverschuldeten südlichen Ländern verordnet: Sie sollen durch die
Reduktion oder den kompletten Abbau der staatlich finanzierten
öffentlichen Dienste, wie Gesundheit und Bildung, eine neoliberale
Strukturanpassung durchführen. Aber auch in den Industriestaaten werden
die Konzepte von Wettbewerb und ökonomischen Anreizen zur
Kosteneinsparung und Effizienzsteigerung der Gesundheitssysteme
favorisiert.
“Die seit neunzehn
Jahren regierende Partei ARENA hat ein grosses Interesse, das
Gesundheitswesen zu privatisieren, wobei die öffentliche Einmischung
durch Ärztegremien, GesundheitsarbeiterInnen und die Bevölkerung im
Allgemeinen sie bis anhin daran gehindert hat, dieses Ziel gänzlich zu
erreichen. Trotzdem wurden bereits viele Spitaldienste durch die
Auslagerung bestimmter Dienstleistungen an externe Unternehmen
privatisiert; so zum Beispiel die Spitalküche, die Wäscherei, der
private Bewachungs- und Sicherheitsdienst in den Spitälern, etc. Damit
hat der Weg in Richtung Privatisierung bereits vor einiger Zeit seinen
Anfang genommen.” ALGES, El Salvador, Projektpartnerin
Arzneimittelforschung im Zeichen der Gewinnoptimierung
Anhand einer kurzen Betrachtung der Erforschung und Vermarktung von
Medikamenten lässt sich zeigen, wie Konkurrenz und Wettbewerb, die
wesentlichen Stützen der neoliberalen Wirtschaftswelt, wichtige Ziele
einer sozial orientierten Gesundheitspolitik – zum Beispiel den
gesicherten Zugang zu notwendigen Gesundheitsdiensten – unterminieren
können.
Die Gründe, warum die Pharmaforschung bestehenden gesundheitlichen
Bedürfnissen nicht entspricht, sind vielschichtig. Für viele
Krankheiten existieren zwar Behandlungsformen, sie sind aber für einen
wachsenden Teil der Bevölkerung aufgrund zu hoher Preise, fehlender
Verteilstrukturen sowie politisch und wirtschaftlich motivierter
Hindernisse, die den Zugang einschränken, nicht verfügbar.
„Der
Zugang zu Medikamenten gleicht der Erreichbarkeit des Mondes. Es
braucht echte und ernstgemeinte politische Anstrengungen, um die
öffentliche Versorgung im Gesundheitswesen nur schon mit einem Minimum
an täglich benötigten Medikamenten für die PatientInnen zu
gewährleisten.“ Palestinian Medical Relief Society, Projektpartnerin
Für nicht wenige Krankheiten aber gibt es gar keine Arzneimittel. Sie
wurden nicht entwickelt, weil die meisten der Gesundheitsprobleme der
Prekarisierten in den Ländern des Südens, soweit eine medikamentöse
Therapie sinnvoll erscheint, in der Logik der Pharmakonzerne, ihrer
ManagerInnen und AktionärInnen im wahrsten Sinne des Wortes nichts wert
sind. Die Armen verfügen über keine Kaufkraft, die das Engagement für
neue Medikamente oder Impfstoffe beispielsweise gegen Malaria,
Tuberkulose oder Chagas rentabel erscheinen lässt.
Neben den seit ihrem Bestehen transnational arbeitenden
Pharmaunternehmen sind die ProfiteurInnen einer neoliberalen
Globalisierung im Gesundheitsbereich und der Wirtschaft grosse
Krankenhauskonzerne, die eine Expansion über die jeweiligen
Landesgrenzen hinaus suchen, oder Versicherungsgesellschaften, die neue
KundInnen anwerben. So wie sich spezialisierte medizinische
Dienstleistungsangebote zunehmend über die nationalen Grenzen hinweg
anbieten und kaufen lassen, können auch Laborleistungen und
Testverfahren globalisiert beziehungsweise ‚outgesourcet’ werden. Ein
Beispiel dieser Strategie zeigt sich in der
klinischen Testphase von neuen Medikamenten
. Bei transnationalen Pharmakonzernen sind prekarisierte BewohnerInnen
von Grossstädten in Ländern des Südens besonders beliebt für solche
Tests. Bei geringer Information durch die Konzerne betreffend Risiken
zeigen sich diese Menschen häufig sehr ‚kooperativ’ für Testläufe, denn
sie sind auf neue Medikamente angewiesen. Die bereits auf dem Markt
vorhandenen Medikamente sind durch Patente geschützt, viele Leute
können sie sich nicht leisten.
Die Vernachlässigung armutsbedingter Krankheiten basiert demnach auf
den ökonomischen Interessen der Pharmakonzerne, welche die medizinische
Forschung bestimmen. Das Marketing dominiert über die
wissenschaftlichen Zielsetzungen, wodurch Innovationen in der
Pharmabranche zunehmend verhindert werden.
‚Public Private Partnerships’ im Gesundheitswesen
‚Public
Private Partnerships’ (PPPs) werden als Partnerschaften zwischen
öffentlich-rechtlichen Institutionen und der Privatwirtschaft definiert
und sind auch in der internationalen Gesundheitspolitik zum
Allheilmittel geworden. Das entspricht einem wichtigen
Paradigmenwechsel: Gesundheitsversorgung wird nicht mehr als
öffentliche Aufgabe wahrgenommen, sondern verstärkt privaten
AkteurInnen übertragen. Eine Vielzahl unterschiedlicher AkteurInnen im
Gesundheitswesen gehen in PPPs strategische Allianzen ein. Dabei ist
nicht immer eindeutig, was öffentliche und was private AkteurInnen
sind. ‚Public’, also öffentlich, sind beispielsweise die
Nationalstaaten und ihre Regierungen oder supranationale Einrichtungen
wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Eindeutig privat sind die
weltweit agierenden Pharmakonzerne. Aber wo sind beispielsweise
Nichtregierungsorganisationen oder grosse Stiftungen angesiedelt? In
manchen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas wird nahezu die
komplette Gesundheitsversorgung von kirchlichen oder anderen ‚privaten’
Trägern organisiert. Öffentliche im Sinne von staatlichen AkteurInnen
spielen in diesen Fällen praktisch keine Rolle mehr.
Das Engagement von Privaten in der ‚Armutsbekämpfung’ entspricht einem
globalen Trend und beschränkt sich nicht nur auf der blossen
Zusammenarbeit mit öffentlichen PartnerInnen. Grossunternehmer wie Bill
Gates oder Stephan Schmidheiny verfügen über ein riesiges finanzielles
Potenzial und greifen mit ihren philanthropischen Stiftungen aktiv in
die Entwicklungszusammenarbeit ein. Auch internationale Konzerne, die
in südlichen Ländern investieren, übernehmen oft gezielt eine Rolle
beim Aufbau von Wirtschaft und Infrastruktur vor Ort – nicht zuletzt,
weil sich solche Verbesserungen positiv auf die eigene
Geschäftstätigkeit auswirken. Das Geschäft mit den Armen gilt als
lukrativ und zukunftsgerichtet. Der Zusammenhang zur neoliberalen
Deregulierungspolitik auf globaler Ebene ist offensichtlich. Der
WOZ-Journalist Gian Trepp meint dazu: „Nachdem die Integrationspolitik
von Weltbank und IWF in den Entwicklungsländern gescheitert ist, wird
nun versucht, das westliche Wirtschaftsmodell mit Hilfe von Public
Private Partnerships in den Süden zu exportieren“. (Eine Welt,
September 2008)
“Seit
dem Regierungswechsel im Jahre 2007 ist die Gesundheitsversorgung in
Nicaragua wieder gratis. Die aktuelle Regierung hat die Privatisierung
in den Spitälern gestoppt. Und dies nach 17 Jahren neoliberaler
Staatsregierung.” Casa de la Mujer, Nicaragua, Projektpartnerin
Für die Überwindung des Stillstands in der Arzneimittelforschung für
armutsbedingte Krankheiten in den Ländern des Südens werden PPPs
ebenfalls als Wundermittel gepriesen. Die Idee: Nicht profitorientierte
Organisationen, die sich über Spenden finanzieren, gehen mit
ArzneimittelherstellerInnen Partnerschaften ein und fördern durch
Finanzspritzen Forschungsprojekte. Die Konzerne stellen im Gegenzug
ihre Infrastruktur und ihr Know-how zur Verfügung. Das Ziel hinter
dieser Idee ist es, die Pharmafirmen für die Entwicklung neuer
Medikamente zu engagieren, die sich aus marktwirtschaftlicher Sicht
nicht lohnen würden und deshalb bis anhin vernachlässigt wurden. So
sind bereits Dutzende Forschungsprojekte entstanden, die demnächst
erste Produkte auf den Markt bringen. Allerdings ist der Beitrag der
Pharmaindustrie nur gering. Die Projekte finanzieren sich nahezu
vollständig aus Stiftungen, Spenden – also privatem Kapital – und
öffentlichen Geldern, die ‚Partnerschaft’ der Industrie besteht meist
aus Auftragsarbeiten, für die sie bezahlt wird. Dennoch zieren sich die
Pharmaunternehmen nicht, ständig ihr Engagement in diesem Bereich zu
betonen. Ist der finanzielle Beitrag auch noch so klein, die
Unternehmen haben volles Mitsprache- und Entscheidungsrecht innerhalb
der PPPs. Dies nutzen sie kräftig zum eigenen Vorteil.
Interessanterweise können diese PPPs laut
Buko-Pharmakampagne
wesentlich günstiger arbeiten als die Industrie. AkteurInnen, welche im
Rahmen von PPPs arbeiten, sind beispielsweise die schweizerischen
Pharmamultis Novartis und Roche sowie Universitäten und andere
Forschungsinstitute in aller Welt.
Die WHO und die Pharmaindustrie
In der WHO werden ‚Partnerships’ hoch gehandelt. Welche Folgen das
Rezept der ‚Partnerschaften’ haben kann, wird besonders an der
wirtschaftlich sehr mächtigen Pharmaindustrie deutlich.
Pharmaunternehmen sind bei der WHO nicht Dienstleister, sondern
‚gleichberechtigte Partner’ und aktiv an sozialpolitischen
Entscheidungen beteiligt. Die WHO selbst hat festgestellt, dass vor
allem Konzerne von den PPPs profitieren. Der privatwirtschaftliche
Einfluss auf die Gestaltung nationaler und internationaler Politik wird
gestärkt, die Unternehmen erzielen einen unmittelbaren finanziellen
Gewinn durch Steuerersparnisse oder grössere Marktanteile und gewinnen
an moralischer Autorität und Legitimation durch Zusammenarbeit mit
UN-Organen, wodurch sich das Unternehmensimage verbessert. Gleichzeitig
findet eine Risikoverschiebung statt: Gewinne aus PPPs gehen an
Konzerne, Verluste hingegen an öffentliche Einrichtungen.
“Eine
Auswirkung der Privatisierung in den Spitälern und Gesunheitsposten
ist, dass es keine Medikamente hat. Die PatientInnen werden zwar
ärztlich untersucht, die Medikamente müssen sie jedoch in der Apotheke
kaufen. Zudem gibt es Gesundheitszentren, die über zu wenig Personal
verfügen, wodurch weniger PatientInnen pro Tag behandelt werden können.
Die übrigen PatientInnen, welche vergebens gewartet haben, müssen sich
einen Termin im privaten Sektor besorgen und diesen selbst bezahlen.”
MAM, El Salvador, Projektpartnerin
Private Stiftungen im Gesundheitsbusiness
Neben den Pharmakonzernen werden AkteurInnen aus privaten Stiftungen,
mit denen im Gesundheitsbereich Allianzen in Form einer PPP eingegangen
wird, immer wichtiger. Ehemals überwiegend staatliche Aufgaben wie die
Finanzierung von Bildung und Gesundheit werden weltweit zunehmend von
privaten GeldgeberInnen finanziert oder kofinanziert.
Die WHO und private Stiftungen
Auch hier lohnt sich ein Blick auf die aktuellen Tendenzen im Umfeld
der WHO. Die WHO als grösste demokratisch legitimierte
Gesundheitsorganisation hat in den letzten Jahren zusehends an Einfluss
verloren, was zum Teil an ihrem kleinen Budget liegt. So hat
beispielsweise die Stiftung von Bill und Melinda Gates mit einem
Jahresbudget von zirka 3,7 Milliarden Schweizer Franken mittlerweile
einen grösseren Gesundheitsetat als die WHO. WHO-Projekte werden in der
Folge teilweise als PPP finanziert, wobei grosse private Stiftungen
dabei sind, sich als einflussreichste Geldgeberinnen für den
öffentlichen Sektor zu etablieren. Vermeintlich wegweisende
Pilotprojekte erhöhen den Druck auf die anderen Organisationen im
sozialen Sektor, sich den inhaltlichen Vorgaben dieser gut
ausgestatteten Vorzeigeprojekte anzupassen. Gleichzeitig etablieren die
‚Global Players’ im Hilfsbusiness einen Diskurs, der einen so genannt
nachhaltigen Einfluss auf die sozialpolitische Landschaft nimmt.
Das Beispiel ‚Bill-and-Melinda-Gates-Foundation’
Diese Tendenz lässt sich anhand der ‚Bill-and-Melinda-Gates-Foundation’
gut illustrieren. Ende Juni 2008 war Bill Gates’ letzter Arbeitstag bei
Microsoft. Jetzt will er sich zusammen mit seiner Frau Melinda
vollumfänglich ihrer gemeinsamen Stiftung widmen. Melinda Gates, die
früher als Managerin bei Microsoft arbeitete, ist gleichberechtigtes
Stiftungsratsmitglied neben ihrem Ehemann. Der Schwerpunkt des
Stiftungsengagements liegt auf dem Kampf gegen Krankheiten: Malaria,
Aids, Tuberkulose sollen ausgemerzt werden. Ihre Stiftung steht ganz im
neuen Trend zur Rettung der Welt: dem Philantro-Kapitalismus, in dem
Armut als Wachstumsbusiness begriffen wird und die tonangebenden
Organisationen ein Mischgebilde zwischen Charity und
Wirtschaftsunternehmen darstellen.
Ein Blick auf die Arbeitsweise der Gates-Stiftung erinnert stark an das
agieren eines Pharmakonzerns: Mit Milliardenmitteln sowie mit
innovativen und aggressiven Managementmethoden wird nach Rezepten gegen
Armut und Krankheit gesucht. Die Grundidee der Hilfselite, zu der die
Gates-Stiftung gehört, ist einfach: Die Methoden, die der
kapitalistischen Wirtschaft zu ihrem durchschlagenden Erfolg verholfen
haben, müssen nur auf den sozialen Bereich angewendet werden. Würden
das Know-how, die Effektivität und der Unternehmergeist der
WirtschaftsmanagerInnen in dem chronisch unter Geldnot leidenden,
uneffektiven und prinzipiell nicht lösungsorientiert arbeitenden
Gesundheitsbereich angewendet, so die Logik, dann liessen sich die
Probleme der Welt schon in den Griff bekommen. So werben die Gates das
Managerkader von Pharmakonzernen und Consultingfirmen ab. Ihre Stiftung
beschäftigt statt Fachkräften aus der Entwicklungszusammenarbeit
ManagerInnen mit Wirtschaftserfahrung. Die Projekte werden
grundsätzlich nicht von den Stiftungen selbst durchgeführt, sondern von
den ‚Grantees’. Diese ‚förderungswürdigen’ ProjektpartnerInnen wählen
die Gates’ aus, indem sie sie unter anderem von WirtschaftsprüferInnen
von KPMG durchleuchten lassen. Erreichen die Grantees ihre gesteckten
Zwischenziele nicht – etwa den Beginn eines klinischen Versuchs oder
den Abschluss einer bestimmten Forschungsarbeit –, wird ihnen weiteres
Geld kurzerhand gestrichen.
Technische Lösungsansätze und mangelnde öffentliche Kontrolle
Es wird vermehrt Kritik an den neuen Megastiftungen laut, da sie frei
nach Gutdünken operieren und andere GeldgeberInnen vertreiben können –
den Staat etwa, die Vereinten Nationen oder andere selbsternannte
private WohltäterInnen. De facto setzten geldreiche Stiftungen wie die
Gates-Stiftung längst die Forschungsagenda. PPPs im Gesundheitsbereich
betreffen grossteils die Entwicklung neuer Medikamente und Versorgung
mit Arzneimitteln und Impfstoffen. Kritisiert wird demnach, dass blosse
technische Lösungen in einem sozialen, politischen und ökonomischen
Vakuum gefördert werden. Der Aufbau eines landesweiten funktionierenden
Gesundheitssystems spielt in PPPs meist keine entscheidende Rolle.
Dadurch fehlt die Verankerung der Einzelmassnahmen in einem
vernünftigen Ganzen. Statt Kooperation regiert im Gesundheitsbereich
der Wettbewerb, und statt sich mit anderen abzustimmen, versucht jedeR
ProtagonistIn, sich selbst zu profilieren. Es gibt einen simplen Grund
dafür, dass beispielsweise die Gates-Stiftung so viel Geld in die
Impfstoffsuche steckt und relativ wenig in die Vorsorge: Bill und
Melinda Gates wollen es so. „Wir glauben, dass Forschung und
Technologie einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Probleme dieser Welt
leisten können“, lautet eines ihrer Credos. Unabhängige ExpertInnen,
wie sie in anderen Stiftungen die Aufsichtsgremien bestücken, dürfen
die Gates-Stiftung lediglich auf unteren Ebenen beraten. Öffentliche
Kontrolle ist generell ein zentrales Problem der PPPs: Wer sitzt in den
Entscheidungsgremien von PPPs und wie werden sie kontrolliert? Sind die
Entscheidungen transparent?
Bildung, Gesundheit und Armutsbekämpfung sind in dieser neoliberalen
Wirtschaftslogik keine gesellschaftlichen Aufgaben mehr, die von
politischen Institutionen mit demokratischer Legitimation gestaltet
werden müssen, sondern werden zu rein technischen Problemen, die durch
lösungsorientiertes Management optimal zu bearbeiten sind. Es liegt auf
der Hand, dass WeltrettungsstrategInnen, die auf die heilende Kraft des
Marktes setzen, die Ursachen für die zu lösenden Probleme nicht im
Markt selbst begründet sehen. Es ist daher auch nicht verwunderlich,
dass Arbeits- und Produktionsbedingungen sowie internationale Terms of
Trade in der Argumentation der PhilanthrokapitalistInnen nicht
vorkommen. Kurz: Nicht in der finanziellen Privatisierung des
Gesundheitsbereichs liegt die Hauptgefahr, sondern in der
Privatisierung der Entscheidungsgewalt über zentrale politische
Bereiche der Gesellschaft. Die Gefahr also, dass der Microsoftchef nach
der Softwarebranche nun auch als Privatperson mit Milliarden schwerer
eigener Stiftung die globale Gesundheitspolitik massgeblich mitbestimmt.
Menschenrecht Gesundheit
Wettbewerb, Privatisierung und Konkurrenz treiben die Ökonomisierung
der Gesundheitsversorgung voran und gefährden dadurch wichtige Ziele
der Gesundheitspolitik wie Solidarität und gleichberechtigten Zugang zu
einer qualitativ hoch stehenden Gesundheitsversorgung. Die
Profitinteressen, die das treibende Moment im neoliberalen ökonomischen
System darstellen, nutzen nicht nur den AnbieterInnen – privaten
ÄrztInnen, Krankenhäusern, Pharmafirmen oder Krankenkassen –, sondern
bevorzugen auch jene, denen es eh schon besser geht als anderen, die
sich einigermassen eine Marktübersicht verschaffen und um ihre
Gesundheit in einer gewissen Weise kümmern können. Andere, die mehr
angewiesen sind auf Umverteilungsmechanismen, auf gesellschaftliche
Solidarität in sozialen Systemen, werden systematisch ausgeschlossen
und weiter marginalisiert.
Die Forderung nach der Umsetzung des Menschenrechts auf Gesundheit, für
die sich auch medico international schweiz einsetzt, orientiert sich am
gerechten, gesicherten und bezahlbaren Zugang zu basismedizinischen
Gesundheitsdiensten und an Gesundheit für alle, wobei unter Gesundheit
das körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden verstanden wird.
Natürlich ist mit dem Zugang zum Gesundheitssystem noch nicht
Gesundheit hergestellt. Vielfach sind es viel grundlegendere Dinge als
das Gesundheitswesen, die dazu beitragen, dass Menschen besser,
gesünder und zufriedener leben können – Dinge wie gute, ausreichende
Nahrung, sauberes Wasser, sanitäre Einrichtungen, gute
Wohnmöglichkeiten, ein sicheres Einkommen, stabile soziale Beziehungen,
die Abwesenheit von Krieg, Gewalt und Ausbeutung. Für dieses umfassende
Gesundheitsverständnis stand und steht die alte Idee der Primären
Gesundheitsfürsorge (‚Primary Health Care’), die von der WHO vor exakt
dreissig Jahren an der Konferenz in Alma Ata verabschiedet wurde.
Leider geriet sie in den meisten Ländern schnell unter die Räder der
Strukturanpassungsmassnahmen und des neoliberalen Siegeszuges in der
Gesundheitspolitik. Ihr Ziel – Gesundheit für alle im Jahr 2000 –
rückte in weite Ferne und ist bis heute nicht mehr als Papier.
“Jeder
politische Vorstoss in Sachen Medikamente muss aus einer Rechts-, nicht
aus einer Bedarfsperspektive erfolgen. Denn die Rechte liegen in der
Verantwortung des Staates, während die Bedürfnisse vom Markt befriedigt
werden können.” MAM, El Salvador, Projektpartnerin
weiterführende Links
Pharma-Brief
Spezial Nr. 1/2004: Hand in Hand mit der Industrie? Nützen
‚Public-Private Partnerships’ Entwicklung und Gesundheit?
Health Action International (HAI)
Sonia Shah: "Big Pharma forscht im Slum" in Le Monde diplomatique Nr.
8272 vom 11.5.2007, Seite 1,14-15,
www.ci-romero.de/fileadmin/download/presente_artikel/2008_2/slum_diplomatique.pdf
Moni Streule_medico international schweiz
www.medicointernational.ch/kampagne
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30.09.2008